Der Chinese, der Buddha und der Hund. Ein interkulturelles Missverständnis aus der Spätzeit von Angkor


Eigentlich war er ein kluger Beobachter und genauer Schilderer der Dinge. Er war zurückhaltend und abwägend in seinen Äußerungen. Und er war bereit Neues zu lernen. Nachdem Zhou Daguan 周達觀 als Angehöriger einer Gesandtschaft des chinesischen Kaisers 1295/96 sich fast ein Jahr in Kambodscha aufgehalten hatte, gab er vorsichtig zu bedenken: „Brauchtum und Politik des Landes können während eines solchen Aufenthaltes gewiss nicht völlig verstanden werden, doch wenigstens ungefähr lassen sich die Verhältnisse deuten.“1 Trotz seiner Nachdenklichkeit unterlief ihm ein Missverständnis, so skurril aber auch so aufschlussreich, dass es lohnt, sich näher damit zu beschäftigen.

Kambodscha war ein Zentrum der Gelehrsamkeit gewesen, das, solange die Chinesen jenseits ihrer Grenzen buddhistische Inspiration suchten, nach China hineinwirkte. Diese buddhistischen Verbindungen waren aber im dreizehnten Jahrhundert weitgehend in Vergessenheit geraten. Für die Tibeter freilich war Kambodscha noch von Bedeutung. So erklärt sich der Satz, mit dem Zhou Daguan seinen Bericht beginnt: „Das Land Zhenla 真臘 (oder Zhanla 占臘) wird von seinen Bewohnern Ganbozhi 甘孛智 genannt. Unser gegenwärtiges weises Herrscherhaus hat den ähnlich klingenden Namen Ganbuzhi 澉浦只 dem tibetischen buddhistischen Kanon entlehnt.“2 Das mongolische Herrscherhaus der Yuan protegierte den tibetischen Buddhismus, und durch den tibetischen Einfluss kam der Name Ganbuzhi auch in China wieder zur Geltung.

Für die konfuzianischen Historiker hingegen war Kambodscha, das sie erst Funan 扶南 und in der Angkor-Zeit Zhenla nannten, nur einer von vielen Barbarenstaaten, die das Unglück hatten, nicht vom chinesischen Kaiser regiert zu werden. Die Hofhistoriker, die jeder Dynastiegeschichte auch Kapitel über die Fremdvölker einfügten, schrieben über die Jahrhunderte voneinander ab und gaben die Stereotypen in der Abteilung „Südbarbaren“ von Geschichtswerk zu Geschichtswerk weiter. Dazu gehört die Ansicht, dass die Barbaren von schlichtem Gemüt sind, aber sich dann auch als schlau und betrügerisch erweisen können. „Die Menschen in Kambodscha (Funan) sind arglistig und schlau“, heißt es dazu kurz in der Geschichte der Südlichen Qi.3 Barbaren sind auch immer hässlich. Hässlich, schwarz, kraushaarig und nackt – das waren die üblichen Adjektive, die beim Stichwort „Man“ (蠻 Südbarbaren) amtlicherseits Verwendung fanden. Die Geschichtsschreiber der Jin (265-419) hatten den Text vorgegeben: „Die Leute sind alle hässlich und schwarz, binden das Haar zu einem Knoten und gehen nackt und barfuß.“4 Die nächsten Dynastien folgten der Schablone. Zuerst die Liang (502-557): „Die Bewohner dieses Landes sind alle hässlich und schwarz und haben krause Haare.“5 Und dann die Tang (618-907): „Die Menschen dort sind schwarz, laufen nackt herum, haben krause Haare, sind aber keine Räuber.“6

Im Jahre 1277 war Südchina von Kublai Khan annektiert worden. Die Mongolen teilten die Bevölkerung des nun vereinigten Reiches in vier Klassen ein. An erster Stelle standen die Mongolen. Ganz unten, die Nummer Vier, waren die Südchinesen, die nun ihrerseits als „Südbarbaren“ (manzi 蠻子) bezeichnet wurden.7 Die hierarchische Einteilung wirkte sich in der Praxis vor allem auf die Vergabe von Ämtern aus. Die kaiserliche Regierung hatte das Prüfungssystem, das zuvor den Zugang zur Bürokratie geregelt hatte, abgeschafft. Ausgewählt wurde nun in erster Reihe nach ethnischer Zugehörigkeit. Dass Zhou Daguan, der aus dem südchinesischen Wenzhou kam, mit einer Gesandtschaft reisen durfte, war eine Ausnahme, denn die „Manzi“ blieben für gewöhnlich von der Vergabe der Ämter ausgeschlossen. Vermutlich diente er in einer untergeordneten Stelle; der Leiter der Gesandtschaft war wohl ein Mongole.8 Weiterlesen

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Burying the Scholars Alive: On the Origin of a Confucian Martyrs’ Legend

The alleged misdeeds of Qin Shihuang climaxing in his order to bury four hundred and sixty Confucian scholars alive, made material for an often-recalled story during two millennia. In Imperial times, the Chinese elite celebrated this burial as an example of their equals fighting against tyranny without the least fear of death and in modern times no other tale has filled the Anti-Confucian-Campaigners with such delight as that of Qin Shihuang interring the Confucianists deep under the earth.

Among the emperors of China the First Emperor, Qin Shihuang 秦始皇, remained the most famous throughout history. His reputation is founded on his despotism. Yet his actual significance is based on his unification policy: After he had conquered the Six States, he established in 221 B.C. his rule over the whole realm. Under the guidance of his legalist advisers, he introduced an administrative system, that formed the background of Imperial government until 1911. In the course of the unification, he standardized the law, the coinage, the script and weights and measures. All carriages had to have gauges of the same size. To accelerate communication between the capital Xianyang and the provinces, he ordered the construction of a net of roads and channels. Within a decade, Qin Shihuang converted a fractioned feudal society into a centralized bureaucracy. Weiterlesen

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Die Legende vom venezianischen Ritter am Hof des Kublai Khan, nebst der wahren Geschichte vom wackeren Beamten Marco Polo, wie er in China reich wurde und was er seinen Lesern verschwieg

Die Glaubwürdigkeit Marco Polos wurde immer wieder angezweifelt.1 Wie könne er in China gewesen sein, heißt es, wo er doch über so viele unübersehbare Dinge nicht berichtet habe? Die Große Mauer, die doch wirklich nicht zu übersehen ist, habe er nicht beschrieben und weder den Tee noch die chinesische Schrift mit ihren Besonderheiten erwähnt. Auch finden sich in seinem Bericht statt der chinesischen Ortsnamen oft persische und türkische Namen, als habe ein islamischer Reisender den Text verfasst. An einer Stelle behauptet er, Gouverneur von Yangzhou gewesen zu sein, damals eine der größten und reichsten Städte Chinas. Zurecht heißt es, hätte Marco Polo ein derart wichtiges Amt bekleidet, müsste seine Berufung in den Aufzeichnungen der Yuan-Dynastie vermerkt sein. Die Urkunden der Yuan sagen aber dazu nichts. Diese Unklarheiten waren es vor allem, die Marco Polo in Verdacht stellten, er habe irgendwo im Vorderen Orient seinen Bericht aus einer persischen Quelle abgeschrieben, um ihn dann als „Wunder der Welt“ einem europäischen Publikum zu präsentieren. Weiterlesen

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Das China der Europäer (2): Das instrumentalisierte China



(Nachträge zu einem Schluss-Satz).

Die Erwartung, dass „das China der Europäer dem China der Chinesen allmählich ähnlicher wird“, war vor dreißig Jahren, 1981, als dieser Aufsatz in einem Sammelband erschien, durchaus realistisch. Es war am Anfang der Öffnungspolitik: Die chinesische Regierung knüpfte Geschäftsbeziehungen mit dem Westen an; europäische Journalisten wurden in größerer Zahl in Peking akkreditiert; Austauschstudenten und Tausende von Touristen nutzten die neue Reisefreiheit.

 Das Wissen über das zeitgenössische China ist in den vergangenen dreißig Jahren beträchtlich angewachsen. Dennoch ist das europäische Chinabild diffus wie eh und je. Das liegt nicht zuletzt an der chinesischen Zensur, die journalistische Recherche und sozialwissenschaftliche Forschung nur stark eingeschränkt zulässt. Vieles von dem was wir über das heutige China wissen, ist daher spekulativ. Die Spekulationen finden großen Widerhall in einer europäischen Öffentlichkeit, die sich gerne berichten lässt, was in ihr eigenes Chinabild passt. So entstand das China der Unternehmer, das China der Gewerkschaften, das China der Reiseagentu­ren, das China der TCM-Industrie, das China der Menschenrechtsgruppen, das China der Altlinken, das China der ehemaligen Ostblock-Dissidenten und das China der Esoteriker. Sogar die Verwaltung der Berliner S-Bahn schuf sich, um die ständigen Verspätungen zu entschuldigen, ein eigenes China, das, so hieß es, den ganzen Spezialstahl, der zur Wartung ihrer Züge notwendig ist, aufgekauft hat. Weiterlesen

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Das China der Europäer


Beide Seiten hatten früh voneinander gehört: die Chinesen von Europa, repräsentiert durch das römische Reich, das sie Da Qin nannten, und die Europäer von den Chinesen, die sie als die Serer, das Seidenvolk, bezeichneten. Über das Seidenland This heißt es in einem griechischen Text vom Anfang der Zeitenwende: „Das Land This ist nicht einfach zu erreichen, und nur selten kommen Menschen von dort.” Als im Jahr 166 n. Chr. eine Gesandtschaft des Andun (Antonius) am Kaiserhof in Chang’an erscheint, erklärt der chinesische Hofhistoriker, warum es für die Römer so schwierig war nach China zu reisen: „Ihre Könige wollten immer Gesandtschaften nach China schicken, aber die Anxi (Parther) ließen das nicht zu, weil sie um ihren Handel mit chinesischer Seide fürchteten.“ Die Völker an der Seidenstraße fürchteten um ihren Zwischenhandel und verteidigten ihr Monopol mit allen Mitteln. Manchmal brauchte es freilich nur eine List. Ein chinesischer Gesandter, der nach Da Qin reisen sollte, ließ sich von den Parthern am Kaspischen Meer einreden, dass es drei Monate, bei ungünstigem Wind aber zwei Jahre dauere, das Meer zu überqueren. Schlimmer noch: Das Wasser enthielte einen Stoff, der die Seefahrer heimwehkrank werden lasse. Daran seien schon einige gestorben. Der Gesandte kehrte erschrocken wieder um. Weiterlesen

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Das Prinzip der großen Zahl im tibetischen Buddhismus


Die tibetischen Buddhisten glauben, daß der Mensch ein in früheren Leben erworbenes Guthaben an frommen Werken auf die Welt mitbringe, denn die „Ansammlung“ (tshogs bsags pa), so sagen sie, entscheide im Kreislauf der Wiedergeburten über die nächste Existenz einer Seele. Der abgeschiedenen Seele sind sechs Formen künftigen Daseins möglich, drei gelten als leidlich gut, drei als schlecht. Zur guten Seite zählen die Menschen, die Götter und Halbgötter, zur schlechten die Tiere, die umherschweifenden, immer von Hunger gepeinigten Gespenster und die Verdammten in den acht heißen und den acht kalten Höllen. Welchen Platz genau eine Seele schließlich einnimmt, darüber entscheidet allein das Maß ihrer Verdienste oder, nach der negativen Seite hin, das Maß ihrer Verbrechen. Kein Richter hat an der Entscheidung teil. Vielmehr schlüpft die Seele ganz zwangsläufig in die Existenz, die dem Stande ihres Guthabens oder ihrer Schuld entspricht. Gebietet sie endlich über einen unermeßlichen Hort guter Werke, hat sie ein Anrecht auf die Buddhaschaft und kann dem Kreislauf der Wiedergeburten entfliehen. Weiterlesen

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