Das Prinzip der großen Zahl im tibetischen Buddhismus



Ulrich Neininger

Die tibetischen Buddhisten glauben, daß der Mensch ein in früheren Leben erworbenes Guthaben an frommen Werken auf die Welt mitbringe, denn die „Ansammlung“ (tshogs bsags pa), so sagen sie, entscheide im Kreislauf der Wiedergeburten über die nächste Existenz einer Seele. Der abgeschiedenen Seele sind sechs Formen künftigen Daseins möglich, drei gelten als leidlich gut, drei als schlecht. Zur guten Seite zählen die Menschen, die Götter und Halbgötter, zur schlechten die Tiere, die umherschweifenden, immer von Hunger gepeinigten Gespenster und die Verdammten in den acht heißen und den acht kalten Höllen. Welchen Platz genau eine Seele schließlich einnimmt, darüber entscheidet allein das Maß ihrer Verdienste oder, nach der negativen Seite hin, das Maß ihrer Verbrechen. Kein Richter hat an der Entscheidung teil. Vielmehr schlüpft die Seele ganz zwangsläufig in die Existenz, die dem Stande ihres Guthabens oder ihrer Schuld entspricht. Gebietet sie endlich über einen unermeßlichen Hort guter Werke, hat sie ein Anrecht auf die Buddhaschaft und kann dem Kreislauf der Wiedergeburten entfliehen. Weiterlesen

Veröffentlicht unter Tibet