Die Legende vom venezianischen Ritter am Hof des Kublai Khan, nebst der wahren Geschichte vom wackeren Beamten Marco Polo, wie er in China reich wurde und was er seinen Lesern verschwieg

 

Ulrich Neininger

Die Glaubwürdigkeit Marco Polos wurde immer wieder angezweifelt.1 Wie könne er in China gewesen sein, heißt es, wo er doch über so viele unübersehbare Dinge nicht berichtet habe? Die Große Mauer, die doch wirklich nicht zu übersehen ist, habe er nicht beschrieben und weder den Tee noch die chinesische Schrift mit ihren Besonderheiten erwähnt. Auch finden sich in seinem Bericht statt der chinesischen Ortsnamen oft persische und türkische Namen, als habe ein islamischer Reisender den Text verfasst. An einer Stelle behauptet er, Gouverneur von Yangzhou gewesen zu sein, damals eine der größten und reichsten Städte Chinas. Zurecht heißt es, hätte Marco Polo ein derart wichtiges Amt bekleidet, müsste seine Berufung in den Aufzeichnungen der Yuan-Dynastie vermerkt sein. Die Urkunden der Yuan sagen aber dazu nichts. Diese Unklarheiten waren es vor allem, die Marco Polo in Verdacht stellten, er habe irgendwo im Vorderen Orient seinen Bericht aus einer persischen Quelle abgeschrie­ben, um ihn dann als „Wunder der Welt“ einem europäischen Publikum zu präsentieren. Weiterlesen

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Das instrumentalisierte China



Nachträge zu einem Schluss-Satz

Lesen Sie den ersten Aufsatz unter:  Das China der Europäer

Die Erwartung, dass „das China der Europäer dem China der Chinesen allmählich ähnlicher wird“, war vor dreißig Jahren, 1981, als dieser Aufsatz in einem Sammelband erschien, durchaus realistisch. Es war am Anfang der Öffnungspolitik: Die chinesische Regierung knüpfte Geschäftsbeziehungen mit dem Westen an; europäische Journalisten wurden in größerer Zahl in Peking akkreditiert; Austauschstudenten und Tausende von Touristen nutzten die neue Reisefreiheit.

 Das Wissen über das zeitgenössische China ist in den vergangenen dreißig Jahren beträchtlich angewachsen. Dennoch ist das europäische Chinabild diffus wie eh und je. Das liegt nicht zuletzt an der chinesischen Zensur, die journalistische Recherche und sozialwissenschaftliche Forschung nur stark eingeschränkt zulässt. Vieles von dem was wir über das heutige China wissen, ist daher spekulativ. Die Spekulationen finden großen Widerhall in einer europäischen Öffentlichkeit, die sich gerne berichten lässt, was in ihr eigenes Chinabild passt. So entstand das China der Unternehmer, das China der Gewerkschaften, das China der Reiseagentu­ren, das China der TCM-Industrie, das China der Menschenrechtsgruppen, das China der Altlinken, das China der ehemaligen Ostblock-Dissidenten und das China der Esoteriker. Sogar die Verwaltung der Berliner S-Bahn schuf sich, um die ständigen Verspätungen zu entschuldigen, ein eigenes China, das, so hieß es, den ganzen Spezialstahl, der zur Wartung ihrer Züge notwendig ist, aufgekauft hat. Weiterlesen

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Das China der Europäer




Ulrich Neininger

Beide Seiten hatten früh voneinander gehört: die Chinesen von Europa, repräsentiert durch das römische Reich, das sie Da Qin nannten, und die Europäer von den Chinesen, die sie als die Serer, das Seidenvolk, bezeichneten. Über das Seidenland This heißt es in einem griechischen Text vom Anfang der Zeitenwende: „Das Land This ist nicht einfach zu erreichen, und nur selten kommen Menschen von dort.” Als im Jahr 166 n. Chr. eine Gesandtschaft des Andun (Antonius) am Kaiserhof in Chang’an erscheint, erklärt der chinesische Hofhistoriker, warum es für die Römer so schwierig war nach China zu reisen: „Ihre Könige wollten immer Gesandtschaften nach China schicken, aber die Anxi (Parther) ließen das nicht zu, weil sie um ihren Handel mit chinesischer Seide fürchteten.“ Die Völker an der Seidenstraße fürchteten um ihren Zwischenhandel und verteidigten ihr Monopol mit allen Mitteln. Manchmal brauchte es freilich nur eine List. Ein chinesischer Gesandter, der nach Da Qin reisen sollte, ließ sich von den Parthern am Kaspischen Meer einreden, dass es drei Monate, bei ungünstigem Wind aber zwei Jahre dauere, das Meer zu überqueren. Schlimmer noch: Das Wasser enthielte einen Stoff, der die Seefahrer heimwehkrank werden lasse. Daran seien schon einige gestorben. Der Gesandte kehrte erschrocken wieder um. Weiterlesen

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Das Prinzip der großen Zahl im tibetischen Buddhismus



Ulrich Neininger

Die tibetischen Buddhisten glauben, daß der Mensch ein in früheren Leben erworbenes Guthaben an frommen Werken auf die Welt mitbringe, denn die „Ansammlung“ (tshogs bsags pa), so sagen sie, entscheide im Kreislauf der Wiedergeburten über die nächste Existenz einer Seele. Der abgeschiedenen Seele sind sechs Formen künftigen Daseins möglich, drei gelten als leidlich gut, drei als schlecht. Zur guten Seite zählen die Menschen, die Götter und Halbgötter, zur schlechten die Tiere, die umherschweifenden, immer von Hunger gepeinigten Gespenster und die Verdammten in den acht heißen und den acht kalten Höllen. Welchen Platz genau eine Seele schließlich einnimmt, darüber entscheidet allein das Maß ihrer Verdienste oder, nach der negativen Seite hin, das Maß ihrer Verbrechen. Kein Richter hat an der Entscheidung teil. Vielmehr schlüpft die Seele ganz zwangsläufig in die Existenz, die dem Stande ihres Guthabens oder ihrer Schuld entspricht. Gebietet sie endlich über einen unermeßlichen Hort guter Werke, hat sie ein Anrecht auf die Buddhaschaft und kann dem Kreislauf der Wiedergeburten entfliehen. Weiterlesen

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