Oberbirma 1907: Wie die Deutschen einen Markt übernahmen und sich einen Krieg einhandelten. Zur Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs. Ein Fallbeispiel



Notizen zur Politik, Gesellschaft und Kultur im Grenzgebiet von China, Birma und Laos (4)

Amanda Kwan & Ulrich Neininger

Must get those old glasses of mine set right. Goerz lenses six guineas. Germans
making their way everywhere. Sell on easy terms to capture trade. Undercutting.
James Joyce, Ulysses (Bloomsday, 16. Juni 1904)


Archibald Ross Colquhoun, ein führender britischer Kolonialpolitiker, veröffentliche 1885 ein Buch, das schon im Titel keinen Zweifel daran zuließ, worauf es in Birma ankommt: Burma and the Burmans or „The best unopened market in the world.“1

England hatte bereits in zwei Kriegen die birmanischen Küstengebiete und den Hafen Rangun annektiert. Oberbirma mit der Hauptstadt Mandalay war freilich noch unabhängig. Der König Thibaw galt als schwacher Monarch, der, wie es hieß, unter der Fuchtel seiner Frau Supayalat stehe. Der ehemalige buddhistische Mönch kaufte nicht nur alle Sklaven in der Hauptstadt frei, er war auch exzentrisch genug, seine Religion ernst zu nehmen und das Töten und die Käfighaltung von Tieren in seinem Reich zu verbieten.2

Einige Jahre zuvor, 1878, hatte eine Palastclique, um Thibaws Herrschaft zu sichern, ohne Wissen des Königs eine Anzahl möglicher Thronprätendenten festnehmen und ermorden lassen.3 Die britische Kaufmannschaft in Rangun verbreitete ihre eigene Version der Vorgänge. Die Geschichte vom finsteren König Thibaw und seiner blutrünstigen Gemahlin Supayalat, die hohnlachend zusehen, wie gedungene Mörder kleine Prinzen gegen die Kerkerwand werfen, sollte die britische öffentliche Meinung auf eine Annexion Birmas vorbereiten. Es war nämlich ein langgehegter Wunsch der Kaufleute, dass das birmanische Volk befreit und der erleuchteten Herrschaft der Kolonialregierung in Indien unterstellt werden möge.4 Die englische Regierung indes zeigte sich an einer Invasion vorerst nicht interessiert, zumal sie sich an der Nordwestgrenze ihrer indischen Besitztümer in einem Krieg mit den russlandfreundlichen Afghanen befand.

Freilich stand der Hof von Mandalay fortan unter genauer Beobachtung. Colquhoun äußerte sich dazu so:

„Es ist kein allzu großes Problem, den birmanischen König zur Vernunft zu bringen; da braucht es nur eine ein bisschen strengere Behandlung (a little firm handling). Das hätte schon längst geschehen sollen, aber der gegenwärtige Zeitpunkt eignet sich nicht besonders für drastische Maßnahmen. Es ist alles machbar, ohne dass man gleich zur Annexion schreiten oder ein Protektorat errichten muss; aber je länger es dem ignoranten, schwachen und boshaften Herrscher, der nun auf dem Thron sitzt, gestattet ist, unsere Macht zu missachten und seine dauernde Misswirtschaft fortzusetzen, desto mehr wird er für ausländische Intrigen zugänglich sein, die gegen unsere und gegen seine eigenen Interessen gerichtet sind, und desto schwieriger wird es, damit fertig zu werden.“5

Colquhouns Text gehörte zu einer nun bald erfolgreichen Kampagne, mit der die britische Wirtschaft, vertreten durch ihre Handelskammern, auf eine „Marktöff­nung“ drängte und dabei behauptete, ohne Hinterland sei der Kolonialbesitz an der Küste ein Verlustgeschäft. Und wer kann sich schon Verlustgeschäfte leisten? Oberbirma brauche also englische Waren, und England brauche die Rohstoffe, das Teakholz, das Erdöl und die Edelsteine, an denen das Land so reich ist. Außerdem versprachen sich die Chambers of Commerce vom Zugang zu den südwestchinesischen Provinzen, die an Birma grenzen, einen weiteren gewaltigen Absatzmarkt.6 Man plante auch schon eine Eisenbahn, um Waren, aber auch chinesische Arbeitskräfte für die Plantagen, die Häfen und die Bergwerke des Empire, transportieren zu können. Auch der britische Opiumhandel, der seit längerem unter einem Überangebot und dem daraus resultierenden Preisverfall litt, würde durch die Erschließung der Märkte in Oberbirma, aber vor allem der im benachbarten Südwestchina, wieder profitabler.7 Dazu musste dann nur das schon von König Mindon erlassene, allen Grundsätzen des Freihandels widersprechende Opiumverbot, aufgehoben werden.

Zusätzlichen Antrieb erhielt die Kampagne durch die Furcht vor den Franzosen, die nach Birma und Yünnan vordringen, und sich dann „all die wertvollen Produkte, die auf diesen jungfräulichen Feldern des Handels zu haben sind“, aneignen könnten.8

Die Birmanen hatten keine eigenen Zeitungen und auch sonst kaum Möglichkeiten, sich in der Welt Gehör zu verschaffen. So hatten die englische Wirtschaft und die ihr verpflichtete Presse von keiner Seite Widerspruch zu erwarten, als sie den gebildeten, nachdenklichen und friedfertigen König als shocking fellow, „grausamer als Nero“, porträtierte9 und sein Volk als unterdrückte, auf die englischen Befreier wartende Masse darstellte.10

Anfang des Jahres 1885 hatte eine birmanische Delegation in Paris über den Bau einer Eisenbahnlinie und über die Gründung einer Nationalbank verhandelt und einen Freundschaftsvertrag geschlossen. Es war auch von einem Geheimvertrag die Rede, mit dem sich die Franzosen Schürfrechte in den Edelsteinminen, Holzkon­zessionen und Zollrechte gesichert hätten.11 Ausländische Intrigen, „die gegen unsere und gegen seine eigenen Interessen gerichtet sind“, schienen beim König und am Hof von Mandalay doch tatsächlich Gehör zu finden.12

Nun war Gefahr im Verzug. So war Colquhouns Buch beim Erscheinen auch gleich wieder überholt, denn a little firm handling reichte offenbar nicht mehr aus, um die kolonialen Interessen durchzusetzen. Und es gab auch schon einen Anlass für drastische Maßnahmen. Die Bombay Burmah Trading Corporation, die mit Holz, Erdöl und Tee handelte, hatte sich die Konzession zur Abholzung der Teakstämme in den Wäldern von Ningyan, einem Gebiet, das ans britische Kolonialgebiet grenzte, gesichert und den birmanischen Staat bei der Abrechnung über Jahre hinweg um beträchtliche Summen betrogen. Nachdem das königliche Kabinett (Hlutdaw) in Mandalay die Konzessionäre zu einer Strafzahlung verurteilt hatte, wollten die den Fall vor ein britisches Schiedsgericht bringen.13 Das Kabinett aber bestand auf seiner Entscheidung und deutete an, es könne die Konzession ja künftig an ein französisches Konsortium vergeben. Die Briten hielten nun das nun für eine besondere Boshaftigkeit. Der Hof in Mandalay war offenkundig derart heruntergekommen, dass er, wie es in ihrer diplomatischen Korrespondenz heißt, „unfähig war dem Druck und der Versuchung durch die Franzosen“ zu widerstehen.14

Die Kolonialregierungen in Kalkutta und Rangun rieten dazu König Thibaw abzusetzen, aber zur Wahrung des schönen völkerrechtlichen Scheins einen Marionettenkönig zu installieren und Birma so zum Protektorat zu machen. In London hingegen betrieb Lord Randolph Churchill, der für Indien zuständige Minister, einen Anschluss an die indischen Besitzungen, der schnell und ohne die übliche Berufung auf die zivilisatorischen Errungenschaften des Abendlandes und die ewigen Werte der Menschheit, ganz unkompliziert als gewöhnlicher Raubzug durchgeführt werden sollte.

Im November 1885 vereinten die Briten unter ihrem General Harry North Dalrymple Prendergast elftausend Mann zum Marsch auf Mandalay. Sie erreichten die Hauptstadt ohne auf viel Widerstand zu treffen. Der König kapitulierte kampflos, und die britische Armee brannte noch in der Nacht nach ihrer Ankunft das Staatsarchiv nieder und räumte, teils auf eigene Rechnung15, dann aber auch zugunsten der englischen Krone, den Palast aus. „Ein später und unfreiwilliger Aussteller in South Kensington“, vermerkt der Daily Telegraph im folgenden Jahr verschmitzt zur Eröffnung einer Londoner Kunstausstellung, „ist der abgesetzte König von Birma, dessen aus dem Palast von Mandalay geplünderte Schätze in neun Schaukästen präsentiert werden … Ihre Majestät (Königin Victoria), so wird angedeutet, soll schon gebeten worden sein, einige der ausgewählten Beispiele, die sich nun in ihrem Besitz befinden, der Ausstellung zu überlassen.“16

Die nachhaltige Ausbeutung des Landes gestaltete sich unerwartet schwierig. Für eine erfolgreiche Marktöffnung brauchte es Eisenbahnen, Straßen, Lagerhäuser und Verwaltungsgebäude, die nun erst einmal gebaut werden mussten. Zu diesen einkalkulierten Investitionen in die Infrastruktur kamen gewaltige Kosten für einen Dschungelkrieg, den das widerständige Volk gegen die Besatzer führte.17

Nach dem Selbstverständnis der Kolonialmächte, stand ihnen „so lange die Sonne am Himmel scheint“, die Herrschaft über die annektierten Territorien zu.18 So gerechnet wären die hohen Anfangsinvestitionen vertretbar gewesen, vorausgesetzt natürlich, die Marktöffnung zahlt sich in erster Reihe für die Investoren aus. Das war aber nicht so sicher, denn schon in den ersten vier Wochen nach der Annexion wird ein deutscher Handlungsreisender in Mandalay gesichtet.19 In China waren die Deutschen zur selben Zeit schon so auffällig geworden, dass ein amerikanischer Diplomat seinen englischen Kollegen warnte: Wenn wir nicht aufpassen, „wird der Teutone uns an die Wand drücken.“20 Die Briten hatten das „Age of Commerce“ ausgerufen, und das sollte natürlich ein britisches Zeitalter sein und keineswegs ein deutsches.

An diesem Punkt unserer Notizen soll Mrs. Leslie Milne zu Worte kommen, die zwei, noch immer äußerst lesenswerte, ethnologische Werke über die Bewohner der Schan-Staaten in Oberbirma verfasst hat.21 Ihr Buch Shans at Home enthält die Beschreibung eines von Schan, Kachin und Palaung frequentierten Markts im Jahr 1907. Es gäbe hier, bedauert die Autorin, außer ein paar Nadeln und ein paar Rollen Garn keine britischen Waren zu kaufen. Man könne zwar Schuhe und Streichhölzer aus Japan, Baumwollstoffe aus Indien und auch Küchengeräte und Porzellan aus China kaufen. Aber –

„Alle anderen Waren, die nicht aus einheimischer Herstellung sind, sind Made in Germany. Es gibt Reihen über Reihen von Buden, in denen nur Artikel aus deutscher Produktion verkauft werden. Die Kachin können hier den billigen roten deutschen Flanell zum Schmuck ihrer Jacken kaufen und scharlachrote Borten … einfache Glasperlen … Gürtel, Kerosinlampen, Federmesser, Scheren, Bleistifte … Notizbücher mit dem Porträt der Queen Victoria auf der Rückseite und der Aufschrift Made in Germany; Wolle zum Weben, gefärbt mit deutschen Anilinfarben …. deutsche Seiden- und Samtstoffe, Hemden und gewebte Unterwäsche, gestrickte Kindermützen in scheußlichen Farben; Umschläge und Briefpapier, glasierte Keramik, Spiegelglas, winzige Metallschachteln (von den Schan als Bettelnussbehälter benutzt), Decken, Porzellantassen (die Schan benutzen keine Untertassen) und Milchkännchen, purpurfarben und schlecht vergoldet, Knöpfe aus Bein – alle diese Artikel und viele andere mehr, gemacht und verarbeitet in Deutschland und von dort exportiert, füllen die Schan-Märkte und kommen ins Land als Fracht von Händlern, die nach Yünnan unterwegs sind.“22

Die Industrieproduktion habe, klagt Leslie Milne, die traditionelle Handwerkskunst zerstört. „Dinge, die einst die Schan herstellten, werden nun aus Deutschland eingeführt.“ Die Tatsache wiederum, dass die Deutschen die Profite einstreichen, wo doch die Briten den Markt geöffnet haben, ist ihr ein besonderes Ärgernis. Sie verweist auf die Arbeitslosigkeit in England und fragt: „Warum können nicht unsere Kaufleute diese Waren liefern, sodass unsere östlichen Besitzungen dem britischen Handel und nicht den deutschen Gütern als Absatzmarkt dienen?“23

Die Behauptung der Autorin, die deutschen Exporteure verdrängten nicht nur in den Schan-Staaten, sondern überall in „unserem indischen Empire“ die Briten von ihren Märkten, lässt sich, aus Mangel an statistischem Material nicht belegen. Es fehlt an Studien, die sich mit der Handelskonkurrenz auf dem Weltmarkt in den Jahrzehnten vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs beschäftigen. Dass die Deutschen sich damals immer größere Anteile am Weltmarkt sicherten, ist freilich bekannt, wobei einzelne Zahlen durchaus überraschend sind. So etwa Zahlen aus Japan, die zeigen, dass die deutschen Einfuhren von 1889 bis 1896 sich fast verdoppelten, während die englischen Einfuhren in dieser Zeit um knapp ein Drittel zurückgingen.24

Bei der Erkundung der Kriegsursachen ist die Frage nach den objektiven statistischen Größen ohnehin nur von untergeordneter Bedeutung, denn für die anti-deutsche Stimmung, die sich in England gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts aufbaute, brauchte es keine genaue Kenntnis der Außenhandelszahlen. Die Feindseligkeit resultierte vielmehr auf einem allgemeinen subjektiven Unbehagen an der rasch wachsenden deutschen Wirtschaftsmacht und ihrem Repräsentanten, dem aggressiven deutschen Handelsmann.

II.

Die Furcht vor Intrigen, das heißt die Sorge vor Rivalen, die den Erhalt und die Vermehrung der Beute gefährden könnten, verfolgte die Briten in Asien und Afrika. Natürlich waren auch die Franzosen vor den Briten in Sorge. Sorgen mussten sich die Briten auch um die Russen machen, die an die indische Grenze heranzurücken drohten. Die Russen hingegen sorgten sich um Afghanistan und die Intrigen der Franzosen und Briten im Vorderen Orient. So jedenfalls war die Lage im November 1885 als Prendergasts Truppen nach Mandalay zogen, um den weltbesten unopened market für das Empire zu erobern.

Es war die Zeit der letzten kolonialen Raubzüge in Asien, als es kaum noch virgin fields gab, in die ein Vordringen gelohnt hätte. Nun galt es die Beute (die Besitzungen) zu sichern. Die Einfluss-Sphären wurden klar aufgeteilt und die Erwerbungen genau demarkiert, und es schien, als könnten die Kolonialmächte fortan in Ruhe die Früchte ihrer Anstrengungen genießen. Schließlich hatte auch das spät gekommene Deutsche Reich sich noch einen, wenn auch nur bescheidenen Anteil der Beute sichern können.

Vorerst hielten die kolonialen Rivalitäten das Verhältnis zwischen England, Frankreich und Russland weiter in Spannung. Aber nach und nach gelang es den drei Mächten, ihre Konflikte durch die gegenseitige Anerkennung ihrer Besitzstände vertraglich zu lösen. 1898 kam es (über Faschoda) ein letztes Mal zur offenen Konfrontation zwischen England und Frankreich. 1904 aber, mit dem Zusammenschluss zur Entente Cordiale waren alle Streitpunkte zwischen den beiden Ländern geregelt. 1907, im Vertrag von Sankt Petersburg, einigte sich England dann auch mit Russland.

Grenzen konnten durch Verhandlungen festgelegt, konnten vermessen und kartographiert werden. Territoriale Konflikte waren also lösbar, ein Konflikt um Märkte hingegen entzog sich einer vertraglichen Lösung, war doch der Free Trade, die Freiheit des Warenverkehrs, ein Dogma, auf das sich die koloniale Politik bei ihren Annexionen immer wieder berief. So begründete Randolph Churchill, beraten von Freunden aus der Londoner City, die Eroberung Birmas mit der Notwendigkeit für immer die Handelsbarrieren zu beseitigen, mit dem der native court in seiner Arroganz und Barbarei das Königreich abgeschottet habe.25

Erstes Sprachrohr der Bellizisten war die einflussreiche Saturday Review. Als die Zeitschrift (zu deren Autoren, neben vielen anderen Berühmtheiten, William Gladstone zählte) 1894 eine Kampagne gegen „Englands traditionell pro-deutsche Politik“ begann, galt die Haltung der Herausgeber nach ihrer eigenen Einschätzung als reichlich exaltiert. Kaum jemand hätte sich damals einen Krieg zwischen den beiden großen protestantischen Mächten „so alike in temperament and genius“ vorzustellen vermocht. Aber schon 1897 konnte sich die Zeitschrift über einen Wandel in der öffentlichen Meinung freuen. Ihre Parole Germania est delenda (Deutschland muss ausgelöscht werden) fand nun viel Beifall.

Die Saturday Review analysiert die Lage in großer Offenheit aus der Sicht des Gentleman-Kapitalisten, der von seinen Renten und Aktieneinkünften lebt und den eigenen Hausierer (pedlar) nicht weniger als den deutschen Höker (bagman) verachtet. Dabei werden die Deutschen sogar recht freundlich beurteilt. Sie seien „Fleisch vom selben Fleisch und Blut vom selben Blut, mit geringerer Willenskraft, aber vielleicht schärferer Intelligenz.“ England, so heißt es, habe freilich den Vorteil, einer „langen Geschichte erfolgreicher Aggression und der wunderbaren Überzeugung, es verbreite durch die Wahrnehmung der eigenen Interessen, Licht unter den im Dunkeln hausenden Völkern.“26

Bei aller Verachtung für die heuchlerischen Krämerseelen war sich die upper class doch auch bewusst, dass sie die Annehmlichkeiten ihres Daseins den manufacturing and trading classes verdankte. Verdrängen nun die deutschen Höker die englischen Hausierer auf dem Weltmarkt, so schrumpfen auch die Einkünfte des Gentleman-Kapitalisten, ein misslicher Umstand, der bedauerlicherweise zum Krieg führen wird.

„Wo immer es gilt eine Mine auszubeuten, eine Eisenbahnlinie zu bauen, einen Eingeborenen von der Brotfrucht zum Büchsenfleisch und von der Enthaltsamkeit zum Gin zu bekehren, streiten sich ein Deutscher und ein Engländer darum, Erster zu sein. Eine Million kleinlicher Streitereien wachsen sich zum größten Kriegsgrund aus, den die Welt je gesehen hat. Würde Deutschland morgen ausgelöscht, gäbe es übermorgen keinen Engländer, den das nicht reicher gemacht hätte. Staaten haben jahrelang um eine Stadt oder eine Thronfolge gekämpft, und da sollte einer nicht um ein Handelsvolumen von zweihundert Millionen Pfund kämpfen?“27

Wenn man von Gentleman zu Gentleman in kühler Berechnung zum Ergebnis kommt, dass ein Handelsvolumen von zweihundert Millionen Pfund einen Krieg unbedingt lohnenswert macht, ist diese Erkenntnis für sich genommen nicht viel Wert. Da werden doch nur wieder Verdächtigungen laut, bestimmten Leuten gehe es nicht um das Wohl der Nation, sondern nur um die eigenen Profite. Und das Versprechen, dass ein Krieg jeden Engländer reicher machen wird, hilft dann auch nicht weiter. Mit ihrem unaufhaltsamen Vordringen auf den Märkten hatten die Deutschen zwar den „größten Kriegsgrund der Welt“ geschaffen, aber es stand zu befürchten, dass die englische Öffentlichkeit das nicht so richtig begreifen wird.

Dazu brauchte es eine massenwirksame Kampagne. Freilich taugte der Handelsmann mit seinem Musterköfferchen nicht zum populären Schurken.28 Die Bellizisten entschieden sich, psychologisch überaus geschickt, für einen Rollentausch. Mit seiner Pickelhaube als unverwechselbarer Ikone, ersetzte der preußische Infanterist, der gefährlich wirkte, aber für das Inselvolk keine wirkliche Gefahr darstellte, den deutschen Kaufmann, der so harmlos aussah, aber als Konkurrent brandgefährlich war.29

Die Massenpresse, der die Aussicht auf einen Krieg eine erwartungsvolle Leserschaft und also eine Auflagenstei­gerung garantierte, brachte den notwendigen Schwung in die Kampagne.30 So wurde die Wahrnehmung der durchaus realen wirtschaftlichen Bedrohung von der Angst vor einer irrealen militärischen Bedrohung, die sich bald zur Hysterie steigerte, überlagert.31 Erstaunlich ist dabei nur, dass der Krieg erst im August 1914 ausbrach.

Berlin, Dezember 2015

© 2015 Amanda Kwan & Ulrich Neininger (u.neininger@hotmail.com)

 

  1. Colquhoun, Archibald Ross, Burma and the Burmans or „The best unopened market in the world“, London 1885. Der Text ist Teil einer langjährigen Kampagne, die im selben Jahr mit der Annexion Birmas zum Abschluss kam. Die Times vom 1. Juli 1885 zitiert aus einem Schreiben der englischen Handelskammer in Rangun: Birma sei „eines der bestzahlenden Länder der Welt“, und weiter: „ … ungeachtet der gegenwärtigen Bedingungen ist Birma, pro Kopf der Einwohnerschaft, schon ein viel besserer Kunde britischer Waren als jeder andere Teil Indiens. Auch in den Ländern die weiter westlich liegen, das westliche China, sie Schan-Staaten und das Kareni (-Gebiet) ist Platz für eine enorme Expansion des Handels.“ Dazu: Damodar Pra Singhal, British Diplomacy and the Annexation of Upper Burma (2. Aufl.), New Delhi 1981 :80.
  2. Thant Myint-U, The Making of Modern Burma, Cambridge 2001 :171.
  3. Maung Htin Aung, Lord Randolph Churchill & the Dancing Peacock: British Conquest of Burma 1885, New Delhi :43 ff.
  4. „Der Hpoung Wun (Premierminister) war der eigentliche Anstifter des Massakers, der es genoss, im Beisein von Thibaw und Supayalat, die ihm dabei herzlich applaudierten, kleine Kinder gegen die Wand zu werfen und andere Barbareien zu begehen. Die Nachricht von diesem kaltblütigen Massaker wurde in der ganzen zivilisierten Welt mit Schrecken vernommen.“ M. B. Synge, Growth of the British Empire London 1903 :162.
  5. Colquhoun, A. R., Burma, London 1885 :41.
  6. Die Schan-Staaten galten dabei in der kolonialen Topographie als idealer Zugang nach Südwestchina. Richard Sprye an Gladstone, 17. Aug. 1865, Correspondence Between Captain Richard Sprye, and the Rt. Hon. William-Ewart Gladstone :9.
  7. Richard Sprye an Gladstone Correspondence :21. Bemerkenswert ist hier die Sprache: Die Furcht vor den Franzosen, die in die virgin fields eindringen und sich dort freizügig bedienen könnten –. Dass es im Kolonialismus nicht nur um den freien Warenverkehr ging, zeigt: Ronald Hyam, Empire and Sexual Opportunity (in ders. Understanding the British Empire), Cambridge 2010 :363 ff.
  8. Correspondence Between Captain Richard Sprye, and the Rt. Hon. William-Ewart Gladstone :21.
  9. Zu den wenigen Europäern, die der zurückgezogen lebende König empfing, gehörte der Ethnograph Wilhelm Joest. Joest beschreibt den König als überaus sympathischen Menschen. The Port Augusta Dispatch, Newcastle and Flinders Chronicle, Australien, 10. Februar 1886.
  10. So meldet der Camperdown Chronicle (Australien) am 31. August 1880: „… schreckliche Grausamkeiten sind von Thibaw begangen worden. Im Lande herrscht eine allgemeine Unzufriedenheit, die nun sogar zu einem Versuch geführt hat, den König zu ermorden.“
  11. Singhal, D. P., British diplomacy and the annexation of Upper Burma, New Delhi (2. Aufl.) 1981 :88.
  12. Thant Mynt-U, The Making of Modern Burma :188.
  13. Maung Htin Aung, Lord Randolph Churchill & the Dancing Peacock : 139 ff. Die Bombay Burma Trading Corporation unterschlug die Gebühren für 57.955 Stämme und betrog auch die Forstarbeiter um ihren Lohn. Der Hlutdaw verurteilt die Firma zur Strafe von 106.666 £ und zur Nachzahlung von 36.000 £ Löhnen.
  14. Singhal, D. P., British diplomacy :92.
  15. Der russische Indologe und Pali-Gelehrte Iwan Minajew, der sich Anfang 1886 in Mandalay aufhielt, schrieb über eine Unterhaltung mit britischen Offizieren, die in der ersten Nacht nach der Eroberung von Mandalay an den Plünderungen beteiligt waren, wo jeder „das noch Bessere und noch Kostbarere an sich zu reißen suchte.” Siehe: I. P. Minayeff, Travels in and Diaries of India and Burma, Kalkutta 1958 :166; vgl. auch :170.
  16. Maryborough Chronicle, Wide Bay and Burnett Advertiser, Australien, 20. November 1886 (Übernahme eines Artikels aus dem Daily Telegraph, London).
  17. Nach der Annexion waren die Briten, als Opfer ihrer eigenen Propaganda, vom Ausmaß des Hasses, der ihnen entgegenschlug, erstaunt. Zeitweise waren 35.000 Soldaten der Kolonialarmee im Einsatz, die den Widerstand nie ganz brechen konnte, obwohl sie hart vorging und die Bevölkerung durch Massenhinrichtungen und das Abbrennen von ganzen Dörfern terrorisierten. Dazu: Thant Myint-U, The Making of Modern Burma, Cambridge 2001 :198 ff.
  18. Synge, M. B., Growth of the British Empire London 1903 :162.
  19. Minayeff, I. P., Travels :140.
  20. Die Warnung findet sich bereits 1885 in einem Brief des amerikanischen Vizekonsuls William N. Pethick an den englischen Diplomaten, Halliday Macartney. Beide waren als Berater von Li Hongzhang einflussreich. Dazu: Demetrius Charles Boulger, The Life of Sir Halliday Macartney, K.C.M.G. (1908) Nachdr. Cambridge 2011: 426 f.
  21. Leslie Milne, Shans at Home. Burma’s Shan States in the Early 1900s, London 1910 (Bangkok 2001); und dies. The Home of an Eastern Clan: A Study of the Palaungs of the Shan State, Oxford 1924.
  22. Milne, Shans at Home :137.
  23. Milne, Shans at Home :139. Sie wiederholt sich dann: „Deutsche Interessen im Osten machen sich immer stärker geltend. Sollte der britische Handel sich in Ländern unter unserer eigenen Herrschaft, in denen unsere Kaufleute praktisch nicht vertreten sind, nicht auch steigern lassen?“
  24. Pletcher, David M., The Diplomacy of Involvement: American Economic Expansion Across the Pacific, 1784-1900 : 224/Anm. 48.
  25. Webster, Anthony: Gentlemen capitalists. British imperialism in South East Asia 1770–1890 :228; Bannerjee, A. C. (Anil Chandra), Annexation of Burma, Kalkutta 1944, zit. nach : D. P. Singhal, British Diplomacy :101. Nun hätten Handelsbarrieren den wirtschaftlichen Expansionismus des Deutschen Reiches aufhalten können, aber mit der Errichtung von Barrieren wäre dem Kolonialismus die Legitimation entzogen worden. Aus der Sicht der Freihändler machte dieser unauflösliche Widerspruch den Krieg als bloßer Fortsetzung der Ökonomie mit anderen Mitteln, unvermeidlich.
  26. Saturday Review of politics, literature, science, and art, 11. Sept. 1897 :278. Vgl. William L. Langer, The Diplomacy of Imperialism 1890-1902, New York 1935 :437.
  27. Saturday Review 11. Sept. 1897 :278.
  28. Es gab zwar Zeitschriften wie die National Review, die es sich zur Hauptaufgabe machten vor der Deutschen Gefahr zu warnen, aber diese Publikationen erreichten nur einen relativ kleinen Kreis konservativer Leser. Diesem Kreis missfiel natürlich nicht nur das aggressive Auftreten der deutsche Bagmen. Sowohl die bismarcksche Sozialgesetzgebung als auch das Auftreten einer Volkspartei, der Sozialdemokratie, im Reichstag, waren aus der Sicht eines Gentleman-Kapitalisten beunruhigende Erscheinungen, aber als Propagandathemen zur Kriegsvorbereitung nicht massenwirksam, also untauglich.
  29. Der Kaufmann erhielt dann in der Fünften Kolonne, vor der Zeitungen und Zeitschriften schrill warnten, eine Nebenrolle. Romane wie „How the Germans took London“ beschrieben die Umtriebe zehntausender deutscher Spione, die als biedere Handelsleute und Kontoristen getarnt, die Landung der deutschen Armeen vorbereiten.
  30. Dazu: Ferguson, Niall, The Pity of War, New York 1999 :11.
  31. Gelegentlich kochte der Volkszorn so hoch, dass der eine oder andere deutsche Mitbürger ad hoc der Spionage verdächtigt und von einer aufgebrachten Menge verprügelt wurde. Dazu: Panikos Panayi, German Immigrants in Britain during the Nineteenth Century, 1815-1914, Oxford 1995 :234 ff.