{"id":405,"date":"2012-03-10T15:44:15","date_gmt":"2012-03-10T15:44:15","guid":{"rendered":"http:\/\/ulrichneininger.de\/?p=405"},"modified":"2018-11-26T16:43:16","modified_gmt":"2018-11-26T08:43:16","slug":"das-instrumentalisierte-china","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ulrichneininger.de\/?p=405","title":{"rendered":"Das China der Europ\u00e4er (2): Das instrumentalisierte China"},"content":{"rendered":"<p><!-- Google Analytics --><br \/>\n<script>\n(function(i,s,o,g,r,a,m){i['GoogleAnalyticsObject']=r;i[r]=i[r]||function(){\n(i[r].q=i[r].q||[]).push(arguments)},i[r].l=1*new Date();a=s.createElement(o),\nm=s.getElementsByTagName(o)[0];a.async=1;a.src=g;m.parentNode.insertBefore(a,m)\n})(window,document,'script','https:\/\/www.google-analytics.com\/analytics.js','ga');<\/p>\n<p>ga('create', 'UA-33539497-1', 'auto');\nga('send', 'pageview');\n<\/script><br \/>\n<!-- End Google Analytics --><\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">(Nachtr\u00e4ge zu einem Schluss-Satz).<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Die Erwartung, dass \u201edas China der Europ\u00e4er dem China der Chinesen allm\u00e4hlich \u00e4hnlicher wird\u201c, war vor drei\u00dfig Jahren, 1981, als dieser Aufsatz in einem Sammelband erschien, durchaus realistisch. Es war am Anfang der \u00d6ffnungspolitik: Die chinesische Regierung kn\u00fcpfte Gesch\u00e4ftsbeziehungen mit dem Westen an; europ\u00e4ische Journalisten wurden in gr\u00f6\u00dferer Zahl in Peking akkreditiert; Austauschstudenten und Tausende von Touristen nutzten die neue Reisefreiheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">\u00a0Das Wissen \u00fcber das zeitgen\u00f6ssische China ist in den vergangenen drei\u00dfig Jahren betr\u00e4chtlich angewachsen. Dennoch ist das europ\u00e4ische Chinabild diffus wie eh und je. Das liegt nicht zuletzt an der chinesischen Zensur, die journalistische Recherche und sozialwissenschaftliche Forschung nur stark eingeschr\u00e4nkt zul\u00e4sst. Vieles von dem was wir \u00fcber das heutige China wissen, ist daher spekulativ. Die Spekulationen finden gro\u00dfen Widerhall in einer europ\u00e4ischen \u00d6ffentlichkeit, die sich gerne berichten l\u00e4sst, was in ihr eigenes Chinabild passt. So entstand das China der Unternehmer, das China der Gewerkschaften, das China der Reiseagentu\u00adren, das China der TCM-Industrie, das China der Menschenrechtsgruppen, das China der Altlinken, das China der ehemaligen Ostblock-Dissidenten und das China der Esoteriker. Sogar die Verwaltung der Berliner S-Bahn schuf sich, um die st\u00e4ndigen Versp\u00e4tungen zu entschuldigen, ein eigenes China, das, so hie\u00df es, den ganzen Spezialstahl, der zur Wartung ihrer Z\u00fcge notwendig ist, aufgekauft hat.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">\u00dcber das instrumentalisierte China werde ich noch weiterberichten. Hier ein Abschnitt \u00fcber das China der Demographen:<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">China in der Theorie vom Raum ohne Volk<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Der Hinweis auf die gro\u00dfe Zahl von Chinesen wirkte im Westen immer beunruhigend. Das Schlagwort \u201eGelbe Gefahr\u201c verband sich in erster Reihe mit Begriffen wie \u201eFlut, anfluten, \u00fcberfluten\u201c und lie\u00df den B\u00fcrger bef\u00fcrchten, die Flut k\u00f6nnte jederzeit \u00fcber seine Kleinstadt hinwegschwappen: Eines Morgens w\u00fcrde er aufwachen und eine vierzehnk\u00f6pfige chinesische Familie h\u00e4tte seine Ikea-Gartenm\u00f6bel okkupiert, um dann mit dem hintergr\u00fcndigen L\u00e4cheln, das den Chinesen eigen ist, h\u00f6flich die Hausschl\u00fcssel zu fordern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Dazu wird es nicht kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Das\u00a0<em>Berlin-Institut f\u00fcr Bev\u00f6lkerung und Entwicklung<\/em>\u00a0teilte unl\u00e4ngst mit, dass die Chinesen \u201eeinen R\u00fcckgang von etwa 6 Kindern je Frau auf 1,5 zu verkraften\u201c haben. Zwar werden die Chinesen auf absehbare Zeit nicht aussterben, aber die Flutwarnung hat sich damit wohl erledigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Nun k\u00f6nnten die Deutschen, sollte man meinen, erl\u00f6st vom Menetekel der Gelben Gefahr, es sich auf ihrer Gartenbank gem\u00fctlich machen und zuschauen, wie die Chinesen immer weniger werden. Reiner Klingholz, der Direktor des Berlin-Instituts, das sich die Aufgabe gestellt hat \u201edie \u00f6ffentliche Wahrnehmung der weltweiten demografischen Ver\u00e4nderungen zu verbessern\u201c warnt uns aber im\u00a0<em>Spiegel<\/em>\u00a0(30. Aug. 2010) vor Fahrl\u00e4ssigkeit. Die wirklichen Gefahren stehen uns n\u00e4mlich erst bevor: Bald m\u00fcssten wir mit den Chinesen um Menschen konkurrieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Hier hat sich eine bemerkenswerte Wende vollzogen: Die Warnung vor der chinesischen Flut war traditionell mit der Klage verbunden, f\u00fcr die vielen Deutschen sei Deutschland zu klein. Die Deutschen lie\u00dfen sich einreden, ein Volk ohne Raum zu sein. Freilich, nachdem die Unternehmen zur Raumerweiterung zweimal gr\u00fcndlich missgl\u00fcckten, arrangierte sich das Volk ganz komfortabel in dem verbliebenen Kleindeutschland.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Neuerdings gewinnen die Raum-Volk-Theorien wieder zunehmend Anh\u00e4nger. Der Theorie \u201eVolk ohne Raum\u201c folgt nun die Theorie vom \u201eRaum ohne Volk\u201c. Klingholz verweist auf die abnehmende Bev\u00f6lkerung in Ostdeutschland: \u201eSchon sind Luchs und Wolf zum Demografiefolger der Deutschen geworden.\u201c Und er fragt sich, was aus den \u201eaufgeh\u00fcbschten Altst\u00e4dten, den sanierten Schl\u00f6ssern und Burgen, dem restaurierten Unesco-Weltkulturerbe in den neuen Bundesl\u00e4ndern werden soll.\u201c<\/p>\n<p>Um das weitere Vordringen der Wolfsrudel in den menschenleeren Raum abzuwehren, fordert Klingholz eine \u201eBesiedlungspolitik\u201c. Ohne diese Politik w\u00fcrde es schlimm enden: \u201eDas Durchschnittsalter in Deutschland w\u00fcrde bis 2050 Richtung 60 Jahre steigen, \u00fcber 15 Prozent der B\u00fcrger w\u00e4ren \u00fcber 80 und von diesen ein Drittel dement. Eine solche Gesellschaft w\u00e4re nicht mehr in der Lage, in der globalen Wirtschaft eine Rolle zu spielen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Man mag es sich gar nicht vorstellen: Im Jahr 2050 durch einen tiefen, von Wolfsrudeln bewohnten Wald zu einem der sanierten und nun wieder verfallenden Schl\u00f6sser aus dem Unesco-Weltkulturerbe zu stapfen und dabei sorgenvoll an Deutschland zu denken, das, bev\u00f6lkert von Alzheimer-Patienten in der globalen Wirtschaft keine Rolle mehr spielt. Man k\u00f6nnte dann, hei\u00dft es, \u201eBegriffe wie Grenzsicherung getrost aus dem Duden streichen\u201c. Der Duden erkl\u00e4rt den Begriff\u00a0<em>Grenzsicherung<\/em>\u00a0unter dem Stichwort\u00a0<em>Grenztruppe<\/em>. \u201eGrenztruppe: Teil einer Armee, dessen Aufgabe die Grenzsicherung sowie die Gew\u00e4hrleistung von Sicherheit und Ordnung im Grenzgebiet ist.\u201c Deutschland ist von Schengen-Staaten umgeben. Was gibt es da zu sichern? Wo muss an der Grenze Ordnung geschaffen werden? Zumal die Gelbe Flut doch gerade abgesagt worden ist. F\u00fcrchtet der Autor die arbeitslosen spanischen und griechischen Jugendlichen, die zu Millionen in unseren \u201eaufgeh\u00fcbschten Altst\u00e4d\u00adten\u201c leer\u00adstehende Wohnungen besetzen k\u00f6nnten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">An diesem Punkt ist auf eine Unterscheidung hinzuweisen, die der Raum-ohne-Volk-Theorie heilig ist: Es gibt gute Demografiefolger und schlechte Demografiefolger. Schlechte Demografiefolger sind der Luchs und der Wolf (tun nichts f\u00fcr das Bruttosozialprodukt), junge S\u00fcdeurop\u00e4er (tun zu wenig f\u00fcr das Bruttosozialprodukt, sind dabei nicht billig und lassen sich nur schwer ausbeuten), kurdische Tagl\u00f6hner, Sinti und Roma und andere Menschen, die sich nicht unter die Rubrik \u201eFachkr\u00e4fte\u201c einordnen lassen. Die denkbar schlechtesten Demografiefolger sind freilich die Schwarzafrikaner, von denen es, wie der Spiegel-Artikel schaudernd anmerkt, im Jahr 2050 gleich zwei Milliarden geben wird. So bedroht uns die Schwarze Flut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Wer nun meint, die Chinesen seien, weil die Gelbe Flut ausbleibt, keine Gefahr mehr f\u00fcr uns, versteht nichts von Demografie. Tats\u00e4chlich gehen n\u00e4mlich im Jahr 2050 unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig viele Chinesen in Rente. Aber nichts ist gef\u00e4hrlicher als eine Flut chinesischer Rentner. Um diese n\u00e4mlich in der Arbeitswelt zu ersetzen, k\u00f6nnten die Chinesen alle Computer-Inder, die dann noch, weil die europ\u00e4ischen Regierungen die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben, unbesch\u00e4ftigt sind, anwerben. \u201eUnd\u201c, so warnt uns der Artikel, \u201ewenn China erst beginnt zu rekrutieren, bleibt f\u00fcr das gute alte Europa nichts mehr \u00fcbrig.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Der Autor sagt von sich, er vertrete die Meinung einer Minderheit. Freilich h\u00e4tten inzwischen auch andere \u201eMinderheiten wie der Wirtschaftsminister, die Arbeitgeberverb\u00e4nde, der DIHK oder der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau\u201c das Problem erkannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Ausl\u00e4nder in China arbeiten f\u00fcr westliche Firmen oder an den Botschaften.\u00a0 Ausl\u00e4nder, die Englisch unterrichten, gibt es auch viele. Und in den ganz teuren Bars von Shanghai und Peking soll, so hei\u00dft es, eine kleine Schar Osteurop\u00e4erinnen arbeiten. Als nennenswerte Gruppe von Arbeitsmigranten k\u00f6nnen aber eigentlich nur die Afrikaner gelten, die in Kanton haupts\u00e4chlich im Textilhandel t\u00e4tig und von den Beh\u00f6rden aus alter Freundschaft zu Afrika und als Abnehmer von Billigwaren geduldet sind. Im Stadtbild bemerkbar machen sich Ausl\u00e4nder sonst nur im Pekinger Studentenviertel Wudaokou und im Diplomatenviertel Sanlitun, dem Treffpunkt der Pekinger Prada-Porsche-Szene. Insgesamt aber liegt der Ausl\u00e4nderanteil in China unter 0,01 Promille. Dennoch befinden wir uns derzeit mitten in der \u201eDrei Illegal\u201c &#8211; Kampagne, die den Eindruck erweckt, als w\u00fcrde China von arbeitslosen Amerikanern und Europ\u00e4ern \u00fcberrannt. Wie immer bei solchen Kampagnen melden sich auch sogleich die schrilleren Stimmen zu Wort. So schreibt Yang Rui, Moderator des englischsprachigen Kanals des staatlichen Fernsehens in einem Mikro-Blog: \u201eDas Amt f\u00fcr \u00d6ffentliche Sicherheit will den ausl\u00e4ndischen M\u00fcll hinauskehren: Um ausl\u00e4ndische Gauner festzunehmen und unschuldige M\u00e4dchen zu besch\u00fctzen, muss es seine Wachsamkeit auf die Gefahrenherde in Wudaokou und Sanlitun richten. Schlagt die ausl\u00e4ndischen Schlangenk\u00f6pfe ab! Leute, die in den USA und in Europa keine Arbeit finden, kommen nach China, um uns das Geld aus der Tasche zu ziehen &#8230;.\u201c Der Eintrag wurde, vielleicht weil das\u00a0<em>Wall Street Journal<\/em>\u00a0(18. Mai 2012) dar\u00fcber berichtet hat und wohl auch weil der Verfasser im selben Blog eine Journalistin des arabischen Fernsehsenders<em>\u00a0Al-Jazeera<\/em>\u00a0ein Flittchen genannt hat, gel\u00f6scht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Der Spiegel und seine Publizisten sagen voraus, dass China eines Tages aller Welt die Fachkr\u00e4fte abwerben wird. Die Chinesen wissen davon noch nichts und scheinen auf eine Masseneinwanderung nicht so richtig vorbereitet zu sein. Das Jahr 2050 wird interessant werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Lesen Sie den ersten Aufsatz unter:\u00a0 <em><a title=\"Das China der Europ\u00e4er\" href=\"http:\/\/ulrichneininger.de\/?p=513\">Das China der Europ\u00e4er<\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Peking, im Juni 2012\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a9 2012 Ulrich Neininger (u.neininger@hotmail.com)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Nachtr\u00e4ge zu einem Schluss-Satz). Die Erwartung, dass \u201edas China der Europ\u00e4er dem China der Chinesen allm\u00e4hlich \u00e4hnlicher wird\u201c, war vor drei\u00dfig Jahren, 1981, als dieser Aufsatz in einem Sammelband erschien, durchaus realistisch. 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