{"id":2886,"date":"2018-11-25T16:38:23","date_gmt":"2018-11-25T08:38:23","guid":{"rendered":"http:\/\/ulrichneininger.de\/?p=2886"},"modified":"2019-03-09T18:02:29","modified_gmt":"2019-03-09T10:02:29","slug":"rezensionen-chinesischer-literatur-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ulrichneininger.de\/?p=2886","title":{"rendered":"Zhang Ji \u5f20\u5fcc: Weltflucht \u51fa\u5bb6"},"content":{"rendered":"<p>(Nina Richter &amp; Ulrich Neininger, <a href=\"http:\/\/ulrichneininger.de\/wordpress\/\"><em>Rezensionen chinesischer Literatur<\/em><\/a>).<\/p>\n<p>Fang Quan, ein junger Mann, der viel arbeitet, aber schlecht verdient, findet einen eintr\u00e4glichen Nebenerwerb: Er arbeitet tageweise als M\u00f6nch in einem buddhistischen Kloster. Nach jahrzehntelanger Unterdr\u00fcckung hat sich in China wieder ein religi\u00f6ses Leben entfalten k\u00f6nnen. Die Liberalisierung der Religionspolitik ist Teil der Reform- und \u00d6ffnungspolitik, die tiefgreifende wirtschaftliche und soziale Ver\u00e4nderungen mit sich bringt. Viele Menschen suchen in der materialistischen Gesellschaft nach spirituellen Werten, oder sie hoffen auf materielle Vorteile, die sie sich von der Anrufung der Buddhas und G\u00f6tter versprechen. So besuchen sie die buddhistischen Kl\u00f6ster. Den Kl\u00f6stern freilich, die so lange geschlossen waren, fehlt es an Nachwuchs. Die M\u00f6nche waren in die Fabriken und auf die Felder geschickt und oft auch verheiratet worden. Nur wenige der alten M\u00f6nche waren noch am Leben und kehrten ins Kloster zur\u00fcck. Da lag dann die Idee nahe, dass ein falscher M\u00f6nch immer noch besser ist als gar keiner.<\/p>\n<p>Der Autor Zhang Ji stammt aus der Gegend von Ningbo. Der Buddhismus ist dort, vor allem auf dem Land, noch einflussreich, und so kam der Autor auf die Idee einen Roman im buddhistischen Milieu anzusiedeln. Zun\u00e4chst wusste er nicht, wie er an den Stoff herangehen sollte. Dann aber begegnete er eines\u00a0 Tages\u00a0in einer Filiale von <em>Kentucky Fried Chicken<\/em> einem M\u00f6nch. \u00a0Der Gegensatz zwischen dem Mann im traditionellen M\u00f6nchsgewand und dem Ambiente der amerikanischen Schnellimbisskette, inspirierte ihn zu einem Roman, der eben diesen Gegensatz, die Moderne und das M\u00f6nchtum zum Thema hat.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Der Roman erz\u00e4hlt aus der Ich-Perspektive des Fang Quan, der, immer auf der Suche nach Arbeit, vom Land in die Stadt zieht. Manchmal helfen ihm dabei famili\u00e4re Beziehungen, dann wieder muss er sich mit Bestechungsgeschenken ein Auskommen sichern.\u00a0 So tr\u00e4gt er f\u00fcr eine Verwandte Fr\u00fchst\u00fccksmilch aus. Um sich noch etwas als Zeitungsaustr\u00e4ger dazuzuverdienen, besticht er den Disponenten der Zeitung mit morgendlichen Milchanlieferungen.<\/p>\n<p>Eines Tages erh\u00e4lt er einen Anruf aufs Handy. Sein Onkel Ahong, von dem er schon seit Jahren nichts mehr geh\u00f6rt hat, meldet sich bei ihm. Er hat es zum Abt eines buddhistischen Klosters gebracht, und sucht nun Aushilfen, die, als M\u00f6nche verkleidet, bei einem religi\u00f6sen Zeremoniell mitwirken. Fang Quan nimmt das Angebot an.<\/p>\n<p>Bei diesem ersten kurzen Eintauchen in die Klosterwelt faszinieren ihn die Pracht der Tempelanlage und die Feierlichkeit der Zeremonien. Er lernt aber auch schon, dass man als M\u00f6nch gut Geld verdienen kann.<\/p>\n<p>Er denkt, nachdem er wieder in den Alltag zur\u00fcckgekehrt ist, oft ans Kloster, zumal seine wirtschaftliche Lage immer schwieriger wird. \u00a0Das Geld reicht zum \u00dcberleben, als aber die Einschulung seiner Tochter bevorsteht, muss Fang Quan als Zugewanderter viel Geld daf\u00fcr zahlen. Die zugewanderten Arbeiter (\u6c11\u5de5 <em>mingong<\/em>) sind n\u00e4mlich nicht ins Haushaltsregister (\u6237\u53e3 <em>hukou<\/em>) der Stadt eingetragen, und ihre Kinder haben damit keinen Anspruch auf einen Schulplatz.<\/p>\n<p>Nun braucht auch Fangs Frau eine Arbeit, also muss wieder bestochen werden. Fang Quan\u00a0 geht dabei mit einer gewissen Schl\u00e4ue vor. Dem Chef des Supermarktes, bei dem sich seine\u00a0Frau beworben hat, schenkt er eine \u201eWeichpanzerschildkr\u00f6te\u201c, angeblich eine vom Aussterben bedrohte, seltene Wildschildkr\u00f6te aus den Bergen, deren Fleisch er als Potenzmittel r\u00fchmt. Seine Bestechung ist so erfolgreich, dass sie gleich neue Forderungen nach sich zieht.<\/p>\n<p>Das Geld reicht freilich noch immer nicht, und Fang Quan erschlie\u00dft sich eine weitere Verdienstquelle: Er f\u00e4hrt eine Fahrradrikscha. Als er sich als Fahrer ohne Lizenz einer Verkehrskontrolle zu entziehen versucht und mit einem Radfahrer zusammenst\u00f6\u00dft, erpresst der Radfahrer von ihm ein hohes Schmerzensgeld. Die korrupte Verkehrspolizei verh\u00e4ngt gegen ihn ein Strafgeld und beschlagnahmt die Rikscha, die er dann durch eine \u201eParkgeb\u00fchr\u201c ausl\u00f6sen muss.<\/p>\n<p>Die finanzielle Last, bringt ihn\u00a0an den Rand der physischen und psychischen Ersch\u00f6pfung:\u00a0\u201ePl\u00f6tz\u00adlich\u00a0blickte\u00a0ich\u00a0ohne Hoffnung\u00a0in\u00a0die Zukunft, denn ich sah, dass ich nun an meine Grenzen gekommen war. Nur wenige Leute standen so fr\u00fch auf wie ich. Ich w\u00fcrde auch lieber etwas l\u00e4nger schlafen, faulenzen. Doch ich trieb mich selbst an, wie man einen Ochsen antreibt, und ging weiter vorw\u00e4rts. Doch was hatte ich von dieser harten Arbeit? F\u00fchrte ich nicht immer noch ein Hunde\u00adleben?\u201c<\/p>\n<p>\u00dcberm\u00fcdet schl\u00e4gt er im Streit seine Tochter, sch\u00e4mt sich daf\u00fcr und irrt nachts durch die Stra\u00dfen. Schlie\u00dflich sinkt er ersch\u00f6pft auf der Schwelle eines Klosters nieder. Der Duft von Sandelholz, der ihn nun manchmal schw\u00e4cher, dann wieder st\u00e4rker einh\u00fcllt, erinnert ihn an sein Gastspiel als M\u00f6nch. \u201eGierig zog ich diesen Duft ein und f\u00fchlte mich am ganzen K\u00f6rper behaglich, so als w\u00fcrden zwei H\u00e4nde meinen K\u00f6rpern ber\u00fchren und ihn sanft streicheln.\u201c<\/p>\n<p>Er nimmt nun jede Gelegenheit wahr, um in Kl\u00f6stern, die in Personalnot sind, auszuhelfen und als falscher M\u00f6nch dem harten Alltag zu entfliehen. Dabei lernt er immer mehr die Vorteile und Annehmlichkeiten des Klosterlebens, das gute Einkommen und das hohe Ansehen eines M\u00f6nchs, zu sch\u00e4tzen.\u00a0 \u201eF\u00fcr die Gl\u00e4ubigen sind die M\u00f6nche\u00a0wie Stars. Alle m\u00f6gen gutaussehende M\u00f6nche und sind bereit, f\u00fcr diese viel Geld zu bezahlen.\u201c<\/p>\n<p>Fang Quan will freilich bald mehr sein als ein Statist in der M\u00f6nchskutte. So nimmt er sich seinen Onkel Ahong, den Abt, zum Vorbild, \u00a0der das \u015a\u016bra\u1e45gamas\u016btra fehlerfrei herbeten kann. Dieses Sutra, das besonders den Zen-Buddhismus beeinflusst hat, gilt wegen seiner eigenwilligen, am Sanskrit orientierten Syntax, als \u00fcberaus schwierig zu rezitieren. Der falsche M\u00f6nch \u00fcberrascht nun seinen Onkel, der ihm zur Vorbereitung einer Zeremonie den Kopf rasiert, mit einer Rezitation. M\u00fchelos sagt er den Anfang des so schwierigen Texts auf.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der \u201ePuja von Wasser und Land\u201c (\u6c34\u9646\u6cd5\u4f1a <em>shuilu fahui<\/em>)\u00a0 eines aufw\u00e4ndigen, mehrt\u00e4gigen Rituals, erkennt er, dass das Klosterleben keineswegs ein Ort reiner Harmonie ist. Der Onkel dem\u00fctigt, als Leiter des Rituals, einen M\u00f6nch, dem er vor den versammelten M\u00f6nchen und Gl\u00e4ubigen vorwirft, die Trommel zu laut zu schlagen. Fan Quan f\u00fcrchtet nun, dass auch er vor allen anderen kritisiert und blamiert werden k\u00f6nnte:<\/p>\n<p>\u201eIch stand zwischen den anderen und pl\u00f6tzlich kam mir alles sinnlos vor. Was machte ich hier? Warum musste ich mir hier stehen und mir das antun? War ich nicht hergekommen, weil ich den Druck in der Welt drau\u00dfen nicht mochte und hier im Tempel nach einem Moment der Ruhe suchte? Drau\u00dfen war ich t\u00e4glich Stress und Druck ausgesetzt, doch ich begegnete dem mit einem L\u00e4cheln auf den Lippen, vorsichtig, als m\u00fcsse ich auf dem Kopf eine Schale mit Wasser tragen. Ich hasste das, ich hatte genug davon.\u00a0Aber wenn ich mit dem Leben drau\u00dfen klarkam, warum sollte ich hier als falscher M\u00f6nch arbeiten, war es nicht dasselbe wie jede andere Arbeit drau\u00dfen.\u00a0Ich entschloss mich zu gehen und nicht mehr als M\u00f6nch zu arbeiten. Dieser Ort passte nicht zu mir.\u201c<\/p>\n<p>Das gro\u00dfe Thema des Romans, das sich schon im Titel ank\u00fcndigt ist die Weltflucht. W\u00f6rtlich \u00fcbersetzt hei\u00dft der Roman \u201eDie Familie verlassen\u201c (Chujia), wobei der Begriff <em>Chujia<\/em> \u00a0im buddhistischen Vokabular den Eintritt ins Kloster bezeichnet. Der Bruch mit der Familie verst\u00f6\u00dft aus traditioneller chinesischer Sicht gegen die Grundwerte der Gesellschaft. Der songzeitliche konfuzianische Philosoph Cheng Yi fasst die Kritik an der Weltflucht zusammen: \u201eDie Buddhisten selbst missachten die Grunds\u00e4tze der Beziehung zwischen Herrscher und Minister, zwischen Vater und Sohn und zwischen Gatte und Gattin. \u00dcberdies kritisieren sie andere daf\u00fcr, dass sie es nicht ebenso machen wie sie. Sie \u00fcberlassen die Pflege sozialer Beziehungen anderen, halten sich von allen fern und bilden eine eigene Kaste.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Im Konflikt zwischen dem Ideal der Weltflucht, und der Realit\u00e4t des Alltags mit seinen sozialen Verpflichtungen, entscheidet sich Fang Quan zun\u00e4chst wieder f\u00fcr die Familie. Aber obwohl er nun erkannt hat, dass das Kloster keineswegs der Ort der vollkommenen Harmonie ist, denkt er bald wieder daran, durch einen Eintritt ins Kloster Ruhe zu finden und einem miserablen Leben zu entfliehen.<\/p>\n<p>Der schlimmste Frevel, den, aus der Sicht der Konfuzianer, die buddhistischen M\u00f6nche mit ihrer Weltflucht begingen, war ihre Kinderlosigkeit, die zum Ende der Ahnenopfer f\u00fchrt. \u201eWenn das der Weg sein soll, Menschen anzuleiten, wird dies das Ende der menschlichen Rasse sein.\u201c<\/p>\n<p>Der alte konfuzianische Glaube,\u00a0 wonach ein Sohn erst durch die Zeugung eines eigenen Sohnes seine Verpflichtung gegen\u00fcber den Ahnen erf\u00fcllt, hat sich in China \u00fcber alle gesellschaftlichen Umbr\u00fcche hinweg erhalten. So will, ganz im Widerspruch zu seinen eskapistischen Neigungen, auch Fang Quan, der schon zwei T\u00f6chter hat, unbedingt einen Sohn. Als nun seine Frau wieder schwanger wird, legt er ein Gel\u00fcbde ab. Er wird ins Kloster gehen, wenn seine Frau einen Sohn gebiert. Endlich bekommt er einen Sohn, z\u00f6gert aber noch sein Versprechen einzul\u00f6sen. Da erf\u00e4hrt er, dass die \u00c4rzte bei seiner Frau einen Tumor diagnostiziert haben.<\/p>\n<p>Der Onkel, der in Fang Quan einen talentierten M\u00f6nchsdarsteller sieht,\u00a0 dass der Konflikt zwischen den famili\u00e4ren Verpflichtungen und dem <em>Chujia<\/em>, dem Verlassen der Familie, leicht zu l\u00f6sen sei. Da sich als M\u00f6nch viel Geld verdienen lasse, k\u00f6nne der Familienvater seine Familie besser als je zuvor versorgen. So geht er dann doch ins Kloster, aber nicht ohne die Zustimmung seiner Frau \u201eWas immer du machst\u201c, verabschiedet sie ihn, \u201eich wei\u00df, es ist f\u00fcr die Familie. Wenn ich wei\u00df, dass du mich und die Kinder im Herzen tr\u00e4gst, dann reicht mir das.\u201c<\/p>\n<p>Der Buddhismus als Geldmaschine hat, seit der Wiederaufnahme des Klosterbetriebs, in China immer wieder f\u00fcr Diskussionen gesorgt. Ein herausragendes Beispiel f\u00fcr den Gesch\u00e4ftssinn der M\u00f6nche gibt der Abt des Klosters Shaolin, \u00a0der die Kampfkunst seiner M\u00f6nche vermarktet und so ein international t\u00e4tiges, ausdr\u00fccklich am Erfolg von Disneyland orientiertes Milliardenunternehmen aufgebaut hat.\u00a0 Die Geschichten \u00fcber das Profitstreben des Abts, sein Luxusleben, die versteckten ausl\u00e4ndische Konten und \u00fcber seine Sexaff\u00e4ren, unterhielten 2016 monatelang die chinesische \u00d6ffentlichkeit. Daneben finden sich im Internet und in der Presse unz\u00e4hlige Berichte \u00fcber falsche oder auch echte buddhistische M\u00f6nche, die den Gl\u00e4ubigen im Namen der Religion oder durch Wahrsagerei ihre Ersparnisse abschwatzen.<\/p>\n<p>Es ist diese Welt in die Fang Quan ger\u00e4t, und die der Autor im Roman beschreibt. Der falsche M\u00f6nch ist der wahrhaft reine Tor, der von sich sagt: \u201eIch bin\u00a0zwar kein echter M\u00f6nch, aber trotzdem z\u00fcnde ich jeden Tag vor der Buddhastatue R\u00e4ucherst\u00e4bchen an und bete.\u201c Er ist der letzte Gl\u00e4ubige, umgeben von Zynikern wie seinem Onkel Ahong, der den ganzen Religionsbetrieb ganz realistisch erkl\u00e4rt: \u201eDas ist ein Gesch\u00e4ft. Glaubst du\u00a0wirklich, dass der\u00a0Bodhisattva,\u00a0wenn\u00a0du im Tempel sitzt, Sutren rezitierst, R\u00e4ucherwerk anz\u00fcndest und schl\u00e4fst, dein gutes Verhalten bemerkt und dir daf\u00fcr deine Taschen mit Geld f\u00fcllt?\u201c<\/p>\n<p>Eine altgediente Nonne, die sich in den Laienstand zur\u00fcckzieht und f\u00fcr die der Buddhismus auch nur ein Broterwerb war, fragt Fang Quan erstaunt, ob er wirklich ans Paradies glaube. Er antwortet mit einem Glaubensbekenntnis: \u201eIch glaube daran. Das Paradies der \u00e4u\u00dfersten Freude ist der dunkelste und der hellste Ort. Dort gibt es keine Menschen und doch sind dort \u00fcberall Menschen.\u00a0 \u00dcberall ist Wasser und unten in der Tiefe ist Glanz.\u201c<\/p>\n<p>Als sich ihm die Gelegenheit bietet, macht er sich unter dem M\u00f6nchsnamen Guan Jing selbst\u00e4ndig und \u00fcbernimmt den kleinen heruntergekommen Tempel der Nonne. Nun muss er wieder selbst sehen, wie er f\u00fcr sich und seine Familie Geld verdient. Eine stabile Einkommensquelle ist die Wahrsagerei. Als Anf\u00e4nger ist er noch ein wenig unsicher im Umgang mit den Ratsuchenden. Einmal ber\u00e4t er die Mutter eines Br\u00e4utigams bei der Auswahl eines gl\u00fccksbringenden Datums f\u00fcr die Hochzeit:<\/p>\n<p>\u201eAlso das Orakelst\u00e4bchen sagt, dass der Tag, den Ihr Sohn ausgesucht hat mit einer vierzigj\u00e4hrigen Schlange kollidiert. Gibt es in Ihrer Familie jemand, der vierzig\u00a0Jahre\u00a0und im Jahr der Schlange geboren ist?\u201c \u00ad Die Alte sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eUnd einen f\u00fcnfundzwanzigj\u00e4hrigen Drachen?\u201c Wieder sch\u00fcttelte die Alte den Kopf.\u00a0Mein Herz begann laut zu klopfen, wenn es so weiterginge, h\u00e4tte ich bald alle\u00a0zw\u00f6lf Tierkreiszeichen durch. Ich biss die Z\u00e4hne zusammen und beschloss, ein paar Tierkreiszeichen zu \u00fcberspringen. \u201eUnd gibt es in der Familie ein drei\u00dfigj\u00e4hriges Schwein?\u201c Da sah ich, wie die Alte die Brauen runzelte und\u00a0dann\u00a0sagte: \u201eMein Sohn ist drei\u00dfig und im Tierkreiszeichen Schwein geboren.\u201c<\/p>\n<p>Zum Klosterleben geh\u00f6ren die \u201eSchutzg\u00f6ttinnen\u201c (\u62a4\u6cd5 <em>hufa)<\/em>, das sind oft reiche, geschiedene Gesch\u00e4ftsfrauen, denen eine spezielle Beziehung zum Abt nachgesagt wird. Sie f\u00fchren dem Kloster gro\u00dfz\u00fcgige Spender zu und sorgen daf\u00fcr, dass der Abt im Gespr\u00e4ch bleibt. Zhou Yu, auch sie eine reiche Gesch\u00e4ftsfrau, entdeckt nun den vielversprechenden M\u00f6nch Guan Jing und organisiert mit ihm \u00a0eine aufw\u00e4ndige siebent\u00e4gige Zeremonie zur Feier von Buddhas Geburtstag. Den reichen Gl\u00e4ubigen, die nun zur Zeremonie erscheinen, preist sie ihre Entdeckung wie eine Marketingmanagerin an:<\/p>\n<p>\u201eGlaubt nicht, dass das\u00a0hier nur\u00a0ein runtergekommener Tempel ist. So viele Menschen wollten sich Verdienste erwerben und f\u00fcr die Renovierung des Tempels von\u00a0Guang\u00a0Jing spenden. Doch\u00a0Guang\u00a0Jing m\u00f6chte das nicht. Meister\u00a0Guang\u00a0Jing ist ein echter M\u00f6nch, der seinen Abschluss an der Buddhistischen Akademie von\u00a0Putuoshan\u00a0erworben hat, er widmet sich ganz Buddha. Ihr denkt wohl die gro\u00dfen Tempel, das sind die guten? Die R\u00e4ume sind zwar prunkvoll, aber die M\u00f6nche sind alle nicht echt. Das sind doch keine richtigen Tempel!\u201c<\/p>\n<p>Um ihren M\u00f6nch bekannt zu machen, hat die Schutzg\u00f6ttin Zhou bereits einige Wundergeschichten \u00fcber ihn in die Welt gesetzt\u00a0und sich dabei von der popul\u00e4ren Fernsehserie \u201eDie Legende vom lebenden Buddha Ji\u00a0Gong\u201c inspirieren lassen.\u00a0Angelockt von solchen Geschichten besuchen immer mehr Gl\u00e4ubige den kleinen Tempel.<\/p>\n<p>Fang Quan zeigt sich von dem Trubel bald angewidert. Er weist Besucher zur\u00fcck, schottet sich ab, lebt streng nach den kl\u00f6sterlichen Regeln, arbeitet in seinem Gem\u00fcsegarten, betet,\u00a0meditiert\u00a0und ist f\u00fcr eine Weile zufrieden, um sich dann wieder nach dem Sinn des asketischen Lebens zu fragen. So beginnt er sich wieder um die Bewohner des benachbarten Dorfes zu k\u00fcmmern. \u201eEs\u00a0sind\u00a0diese Frauen, die in den Tempel kommen. Da sie nicht mehr gut zu Fu\u00df\u00a0sind, k\u00f6nnen\u00a0sie nicht an weit entfernte Orte gehen. Der Tempel\u00a0hat\u00a0in Wahrheit nichts mit Religion zu tun, er hat\u00a0auch\u00a0nichts mit Geld verdienen zu tun. Er\u00a0ist\u00a0nur ein Ort, an dem sich die alten Leute des Dorfes die Zeit vertreiben, er\u00a0ist\u00a0eine Seniorenbegegnungsst\u00e4tte.\u201c<\/p>\n<p>Der\u00a0 Schluss, der arg forciert erscheint, als h\u00e4tte der Autor nun endlich genug von der Schreiberei gehabt, zeigt den immer unschl\u00fcssigen Fan Quan, der abgeschreckt von der Hohlheit des religi\u00f6sen Betriebs, zu seiner Familie zur\u00fcckkehrt, und dann aber wieder von den Annehmlichkeiten des Klosterlebens verlockt, sich von seiner Anh\u00e4ngerschaft feiern l\u00e4sst. \u201eDiese sanften Blicke waren voller Freundlichkeit, Verehrung und auch voller Bitten. Ich wei\u00df nicht, wie ich es beschreiben kann, sie standen aufrecht, aber ihre Blicke krochen auf dem Boden (\u2026) Ich begann, diese kriechende Fr\u00f6mmigkeit zu genie\u00dfen.\u201c<\/p>\n<p>Der Autor greift gelegentlich buddhistische Ideen auf, freilich ohne sie weiter auszuf\u00fchren. So erw\u00e4hnt er das \u015a\u016bra\u1e45gamas\u016btra mit seiner Lehre von der doppelten Natur des Menschen. Danach tr\u00e4gt ein Mensch zwei Naturen in sich, eine profane, die dem Kreislauf der Wiedergeburten unterliegt und eine Buddha-Natur, die ihm zur Befreiung aus diesem Kreislauf verhilft. Zur Sprache kommt auch die Legende von der Entstehung des \u015a\u016bra\u1e45gamas\u016btra, das Buddha seinem Lieblingsj\u00fcnger Ananda gesandt habe, um ihn vor der Verf\u00fchrung durch das Dorfm\u00e4dchen Matangi zu retten. Ganz zum Schluss l\u00e4sst sich der Autor noch einmal von der buddhistischen Bilderwelt inspirieren: \u201eJ\u00e4hlings schlug ich die Augen\u00a0auf.\u00a0Mein Blick glich einem\u00a0wilden\u00a0Tier, das\u00a0pl\u00f6tzlich auf die Erde gelangt war, erschrocken und voller Begierden, etwas zweifelt. Wie\u00a0wahnsinnig\u00a0raste es mit einem Mal los, rannte, rannte schnell wie der Wind. Es lief durch St\u00e4dte, \u00fcber hohe Berge und Ozeane, es lief durch Zeit und Raum. Am Schluss konnte es nicht mehr weiterlaufen. Es war einen gro\u00dfen Kreis gelaufen und ersch\u00f6pft an den Ausgangsort zur\u00fcckgekehrt.\u00a0In diesem Moment sah ich mich selbst, wie ich einsam auf der kalten Steinschwelle zum\u00a0Dongmen-Nonnenkloster sa\u00df, wir sahen uns gegenseitig an.\u201c<\/p>\n<p>Der Roman hat betr\u00e4chtliche Schw\u00e4chen. Zu oft nimmt der Autor F\u00e4den auf, die dann bald im Nirgendwo enden. Die buddhistische Thematik h\u00e4tte gewiss mehr Tiefe verdient. Auch sprachlich ist <em>Chujia<\/em> nicht der ganz gro\u00dfe Wurf. Der Text ist dennoch lesenswert als Beschreibung der \u00dcberlebensk\u00e4mpfe der vom Land in die St\u00e4dte zugewanderten Arbeiter.<\/p>\n<p>Zhang Ji \u5f20\u5fcc\uff0c Chujia \u51fa\u5bb6\uff0c \u4e2d\u4fe1\u51fa\u7248\u793e\uff0c Peking 2016.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]\u00a0<\/a>\u00a0Interview vom 23. 8. 2017: \u4f5c\u5bb6\u5f20\u5fcc\uff1a\u6211\u5199\u7684\u201c\u51fa\u5bb6\u201d\u6bd4\u8f83\u5b9e\u5728 \u5f88\u591a\u4eba\u662f\u4e3a\u4e86\u5b89\u8eab\u7acb\u547d\u6323\u94b1,\u00a08. 2017;\u00a0https:\/\/www.jiemian.com\/article\/1566265.html<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Cheng Yi, \u7a0b\u9824 (1033-1107),\u00a0\u7a0b\u9865\uff0c \u7a0b\u9824\uff0c \u6cb3\u5357\u7a0b\u6c0f\u9057\u4e66\uff0c \u4e2d\u534e\u4e66\u5c40 1981\u00a0: \u5377\u4e8c\u4e0a; s. auch: Theodore de Bary u. a., <em>Sources of Chinese Tradition<\/em>, Bd. 1 :478.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Nina Richter &amp; Ulrich Neininger, Rezensionen chinesischer Literatur). Fang Quan, ein junger Mann, der viel arbeitet, aber schlecht verdient, findet einen eintr\u00e4glichen Nebenerwerb: Er arbeitet tageweise als M\u00f6nch in einem buddhistischen Kloster. Nach jahrzehntelanger Unterdr\u00fcckung hat sich in China wieder &hellip; <a href=\"https:\/\/ulrichneininger.de\/?p=2886\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p6Wjv0-Ky","jetpack-related-posts":[{"id":420,"url":"https:\/\/ulrichneininger.de\/?p=420","url_meta":{"origin":2886,"position":0},"title":"Das Prinzip der gro\u00dfen Zahl im tibetischen Buddhismus","date":"27. 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