{"id":325,"date":"2012-05-14T07:09:15","date_gmt":"2012-05-13T23:09:15","guid":{"rendered":"http:\/\/ulrichneininger.de\/?page_id=325"},"modified":"2013-02-22T09:58:04","modified_gmt":"2013-02-22T01:58:04","slug":"der-furst-reist-in-den-himmel","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/ulrichneininger.de\/?page_id=325","title":{"rendered":"Der F\u00fcrst reist in den Himmel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">An einem See wohnte ein armer Waisenjunge namens Lathoi. Der m\u00e4hte tags\u00fcber f\u00fcr die reichen Familien Gras, h\u00fctete ihre Pferde, schlug Brennholz und rodete die Felder. Abends am See aber spielte er auf der Bambusfl\u00f6te, zur Freude aller, die seinem Spiel zuh\u00f6rten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal, in einer hellen Mondnacht, \u00f6ffnete sich mitten im See eine rote Seerose, und auf der Bl\u00fcte erschien ein sch\u00f6nes M\u00e4dchen im roten Rock, das, als das Fl\u00f6tenspiel verklang, wieder ver\u00adschwand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An den folgenden Abenden spielte Lathoi bet\u00f6render und hinge\u00adbungsvoller als je zuvor. Dabei \u00f6ffnete sich jedes Mal die geheim\u00adnisvoll leuchtende Seerose, und das M\u00e4dchen im roten Rock kam heraus, um dem Fl\u00f6tenspiel zuzu\u00adh\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hoch \u00fcber dem See residierte ein F\u00fcrst, dem sein B\u00fcttel von den merkw\u00fcrdigen Begebenheiten berichtete. Am n\u00e4chsten Abend schlichen sich beide M\u00e4nner den Hang hinunter ans Ufer. Als sie das M\u00e4dchen auf der Seerose so betrachteten, fasste der B\u00fcttel einen boshaften Plan, den er sogleich seinem Herrn vortrug: \u201eEhrw\u00fcrden\u201c, sagte er, \u201eIhr herrscht \u00fcber acht Berge und achtzehn D\u00f6rfer; Ihr gebietet \u00fcber jeden Zollbreit Erde, und auch der See geh\u00f6rt Euch. Also geh\u00f6rt Euch auch die Seerose. Eure Diener sollen sie Euch heraus\u00adholen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der F\u00fcrst aber z\u00f6gerte: \u201eDie Blume h\u00e4tte ich schon gerne. Aber das Wasser ist doch so tief!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDa macht Euch mal keine Sorgen\u201c, meinte nun der listige B\u00fcttel. \u201eWir schneiden Bambus, flechten Seile und bauen ein Flo\u00df. Und wenn die Seerose wieder zu leuchten beginnt, fischen wir sie einfach heraus.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der F\u00fcrst befahl seinen Dienern Bambus zu schneiden, Seile zu flechten und ein Flo\u00df zu bauen. Aber als sie dann das Flo\u00df zu Wasser lie\u00dfen und in einer mondhellen Nacht auf den See hinaus\u00adpaddelten, trieb der Schlag der Wellen die Seerose dem Ufer zu. Da legte Lathoi die Fl\u00f6te zur Seite und hielt die Bl\u00fcte, die auf ihn zuschwamm, mit beiden H\u00e4nden fest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der F\u00fcrst, sein B\u00fcttel und die Dienerschaft paddelten auf ihrem Flo\u00df zur\u00fcck und gingen \u00e4rgerlich nach Hause.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lathoi aber nahm die Seerose mit sich und setzte sie in einen Krug Wasser.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Tag schickte der F\u00fcrst seinen B\u00fcttel. \u201eDie acht Berge und die achtzehn D\u00f6rfer\u201c, sagte er zu Lathoi, \u201egeh\u00f6\u00adren dem F\u00fcrsten. Ihm geh\u00f6ren das Land und das Wasser, der See und alle Pflanzen, die im See wachsen. Also gib die Seerose zur\u00fcck, die du dem F\u00fcrsten gestohlen hast!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Erde und das Wasser\u201c, erwiderte Lathoi, \u201egeh\u00f6ren dem F\u00fcrsten. Die Seerose aber geh\u00f6rt mir, denn ich habe sie ange\u00adpflanzt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der B\u00fcttel freilich blieb unnachgiebig: \u201eAlles was angepflanzt wird, hat eine Wurzel. Was aber wurzellos auf dem See treibt, ist Eigentum des F\u00fcrs\u00adten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGib mir nur etwas Zeit\u201c, forderte Lathoi, \u201eund ich werde dir die Wurzel zeigen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie vereinbarten nun die Entscheidung \u00fcber den Streit aufzu\u00adschieben. Wenn Lathoi die Seerose mit der Wurzel vorzeigen k\u00f6nne, solle sie ihm geh\u00f6ren, wenn nicht, so erh\u00e4lt sie der F\u00fcrst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lathoi stellte den Krug mit der Seerose in einen Tragekorb, nahm Hiebmesser und Tasche und begab sich auf die Suche nach der Wurzel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gab da einen Fluss, der in den See m\u00fcndete. Diesem Fluss folgte er, bis er nach langer Wanderschaft ein M\u00e4dchen aus dem Wasser auftauchen sah. Er setzte seinen Korb ab, nahm die Seerose aus dem Krug und fragte das M\u00e4dchen nach der Wurzel. Das M\u00e4dchen antwortete: \u201eIch bin ihre Dienerin. Tief in der Tiefe. Geh nur den Fluss entlang, so wirst du sie finden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So wanderte er weiter, bis wieder ein M\u00e4dchen aus dem Fluss auftauchte. Er zeigte die Seerose und fragte nach der Wurzel. Das M\u00e4dchen antwortete: \u201eIch bin ihre Dienerin. Eng in der Enge. Geh nur den Fluss entlang, so wirst du sie finden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er war schon sehr weit gewandert, da tauchte ein drittes M\u00e4d\u00adchen aus dem Fluss auf. Er zeigte die Seerose und fragte nach der Wurzel. Das M\u00e4dchen antwortete: \u201eIch bin ihre Dienerin. Dunkel im Dunkeln. Geh nur den Fluss entlang. An der Quelle beim Bambushain, dort wirst du sie finden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines Mittags dann erreichte Lathoi den Bambushain. Er streifte durch das dichte Ge\u00adh\u00f6lz, als er ein Lachen und Rufen h\u00f6rte. Verborgen hinterm Blattwerk sah er an der Quelle eine Schar junger M\u00e4dchen. Alle waren fr\u00f6hlich, nur ein M\u00e4dchen, das von allen Nang Kaw gerufen wurde, stand traurig abseits. Die M\u00e4dchen trugen eine Seerose auf dem Kopf, nur Nang Kaw hatte keine.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSo habe ich also die Wurzel gefunden\u201c, dachte Lathoi, kam aus seinem Versteck hervor und begann auf der Fl\u00f6te zu spielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle Trauer war verflogen. Freudestrahlend eilte Nang Kaw auf den Fl\u00f6tenspieler zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch bin\u201c, erz\u00e4hlte Lathoi, \u201eum dich zu finden von der Flussm\u00fcn\u00addung bis zur Quelle gewandert und habe \u00fcberall nach dir gefragt. Ich hatte schon fast die Hoffnung verloren, dich je wiederzusehen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eUnd ich\u201c, sprach Nang Kaw, \u201ehabe auf dich gewartet und konnte vor Kummer weder essen noch trinken.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie w\u00e4re nun gerne gleich mit ihm zur\u00fcck an den See gewandert, aber dazu war die Erlaubnis ihres Vaters n\u00f6tig, der als K\u00f6nig der Blumen, einen Garten nahe der Quelle bewohnte. Lathoi versprach, ihn sogleich in seinem Palast aufzusuchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nang Kaw zog ihren goldnen Ring vom Finger und nahm aus ihrer Umh\u00e4ngetasche einen kleinen, von einem Elfenbeindeckel verschlos\u00adsenen, hohlen K\u00fcrbis. \u201eDiese Dinge\u201c, sprach sie, \u201ewerden dir im Palast von gro\u00dfem Nutzen sein.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der K\u00f6nig in seinem Palast empfing ihn mit finsterem Blick, wollte doch dieser Habenichts Lathoi, dieser Fl\u00f6tenspieler, eine K\u00f6nigs\u00adtochter heiraten. Er sagte streng: \u201eDann beantworte mir erst mal drei Fragen! Also nun die erste Frage: Wie hei\u00dfen die Dienerinnen der Prinzessin Seerose?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sogleich antwortete Lathoi: \u201eSie hei\u00dfen Tief in der Tiefe, Eng in der Enge und Dunkel im Dunklen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der K\u00f6nig, erstaunt \u00fcber die rasche Antwort, f\u00fchrte Lathoi an einen Tisch auf dem vier Sch\u00fcsseln standen: eine Sch\u00fcssel Gurken und eine Sch\u00fcssel Bohnen, eine Sch\u00fcssel mit eingelegten Teebl\u00e4t\u00adtern, und eine Sch\u00fcssel mit s\u00fc\u00dfem Reiskuchen. \u201eWelche Speise\u201c, fragte er nun, \u201ehat meine Tochter Nang Kaw zubereitet?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unschl\u00fcssig stand Lathoi noch vor dem Tisch, als es in dem K\u00fcrbis leise summte. Unauff\u00e4llig \u00f6ffnete er das Beh\u00e4ltnis, aus dem eine Biene herausflog und sich geradewegs auf den Rand der mit s\u00fc\u00dfem Reiskuchen gef\u00fcllten Sch\u00fcssel setzte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs ist die Sch\u00fcssel mit dem Reiskuchen\u201c, antwortete Lathoi.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So konnte er auch diese Frage richtig beantworten. Nun zeigte der K\u00f6nig auf die geflochtene Palastwand. \u00dcberall ragten Finger aus dem Bambusgeflecht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWelches ist der Finger meiner Tochter Nang Kaw?\u201c, fragte der K\u00f6nig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heimlich nahm Lathoi den Ring aus der Tasche und fand auch sogleich den Finger von Nang Kaw, auf den der Ring passte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da nun alle Fragen richtig beantwortet waren, blieb dem K\u00f6nig nichts anderes \u00fcbrig, als der Heirat seiner Tochter zuzustimmen. Er lie\u00df einen Tragekorb mit Armb\u00e4ndern und Ketten, mit Ohrringen, G\u00fcrtelspangen, und Haarnadeln f\u00fcllen. Das Gold, das Silber und die Edelsteine gl\u00e4nzten hell wie die Sonne. So mit Schmuck be\u00adla\u00adden, verabschiedeten sich Lathoi und Nang Kaw aus dem Palast und wanderten den Fluss entlang zur\u00fcck zum See. Die drei Diene\u00adrinnen erwarteten sie schon am Wege. Zu F\u00fcnfen erreichten sie an einem sp\u00e4ten Nachmittag Lathois Dorf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der B\u00fcttel des F\u00fcrsten beobachtete ihre Ankunft. Schnell rannte er den Hang hinauf und berichtete seinem Herrn atemlos die Neuigkeit: \u201eDer Hunger\u00adleider Lathoi ist mit vier schmuckbelade\u00adnen sch\u00f6nen Frauen, mit der Seerose und der Wurzel zur\u00fcckge\u00adkommen. Wenn Ihr nichts gegen ihn unter\u00adnehmt, wird er Euch noch den Rang streitig machen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas soll ich denn tun?\u201c, fragte der F\u00fcrst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eRuft ihn erst einmal zu Euch. Wir m\u00fcssen ihn einsch\u00fcchtern und ihn erschrecken. Am besten wir nehmen ihm die Frauen und all den Schmuck ab und vertreiben ihn.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anderntags ging der B\u00fcttel zu Lathoi und sagte drohend: \u201eDu kommst aus dem einfachen Volk. Du bist immer arm gewesen. Aber nun hast du vier Frauen, die prachtvoll gekleidet und mit Gold und Silber geschm\u00fcckt sind. Wie bist du pl\u00f6tzlich zu solchem Reichtum gekommen? Gewiss auf unrechtm\u00e4\u00dfige Weise. Morgen hast du vor dem F\u00fcrsten zu erschei\u00adnen. Dem wirst du ant\u00adwor\u00adten!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der B\u00fcttel fort war, sagte Lathoi best\u00fcrzt: \u201eDer F\u00fcrst und sein B\u00fcttel wollen uns ins Ungl\u00fcck st\u00fcrzen, was sollen wir nur tun?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch habe einen Plan\u201c, beruhigte ihn Nang Kaw. \u201eDu gehst morgen zum F\u00fcrsten und erz\u00e4hlst ihm, du w\u00e4rst im Himmel gewesen, und dein ganzer Reichtum sei ein Geschenk des Himmels. Und ihr drei\u201c, sagte sie an die Dienerinnen gewandt, \u201egeht in den Wald, sucht nach den Waben der wilden Bienen und bringt mir Wachs, soviel ihr finden k\u00f6nnt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anderentags trat Lathoi vor den F\u00fcrsten und berichtete ihm von seiner Himmelsreise: \u201eAls ein einfacher Mann aus dem Volke durfte ich mir nur vier Frauen aussuchen. Obwohl meine Hauptfrau und die drei Dienerinnen sehr sch\u00f6n sind und alle, die ihnen begegnen, ihre Sch\u00f6nheit r\u00fchmen, kann man sie doch nicht mit den Frauen vergleichen, auf die ein Herrscher Anspruch hat. Ein F\u00fcrst erh\u00e4lt zehn der sch\u00f6nsten Frauen. Auch der Schmuck, der ihm zusteht, ist unendlich reicher. Ein F\u00fcrst bekommt mehr Kost\u00adbarkeiten geschenkt als eine lange Maultier\u00adkarawane tragen kann.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Augen des F\u00fcrsten leuchteten vor Gier. Er fragte: \u201eKannst du mir sagen, was ich tun muss, um in den Himmel zu reisen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eZuallererst m\u00fcsst Ihr Brennholz f\u00fcr ein gro\u00dfes Feuer auf\u00adschich\u00adten lassen\u201c, erkl\u00e4rte Lathoi. \u201eDann k\u00f6nnt Ihr in den Flammen zum Himmel aufsteigen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der F\u00fcrst wollte nun gleich den Befehl geben, Holz f\u00fcr einen Scheiterhaufen zusammenzutragen. Sein B\u00fcttel aber wurde miss\u00adtrauisch und fragte: \u201eUnd wie sollen wir wissen, dass du uns die Wahrheit erz\u00e4hlst? Vielleicht gibt es im Himmel gar keine Geschenke f\u00fcr uns. Gewiss willst du uns nur in den Flammen umkommen lassen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lathoi entgegnete eilig: \u201eWenn ihr euch f\u00fcrchtet, in den Himmel zu reisen, dann kann ich das f\u00fcr euch erledigen. Ich kenne den Weg jetzt gut, da hole ich die Geschenke f\u00fcr euch ab.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der B\u00fcttel hielt das f\u00fcr einen ausgezeichneten Vorschlag. Der F\u00fcrst freilich wandte ein: \u201eAber nicht, dass du unsere Geschenke f\u00fcr dich beh\u00e4ltst.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Worauf Lathoi beleidigt meinte: \u201eWenn Ihr mir misstraut, m\u00fcsst Ihr eben selber reisen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So ging es noch eine Weile hin und her. Schlie\u00dflich einigten sie sich darauf, dass Lathoi in den Himmel reisen und die zehn Frauen und die Ladung Schmuck f\u00fcr den F\u00fcrsten abholen solle. Und auch der B\u00fcttel w\u00fcrde seinen Anteil bekommen. Lathoi aber sollte sogleich mit den Reisevorbereitungen beginnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend die drei Dienerinnen durch den Wald streiften und Wachs von den Waben der wilden Bienen sammelten, flocht Nang Kaw eine lebensgro\u00dfe Puppe aus Bambusstreifen, schnitt sich ein B\u00fcschel Haar ab und kn\u00fcpfte daraus eine Per\u00fccke, um sie dem Bambuskopf aufzusetzen. Sie nahm Kleider aus Lathois Truhe, zog der Puppe eine Jacke, weite Hosen und Schuhe an und band ihr noch eine breite rote Sch\u00e4rpe um die H\u00fcften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die Dienerinnen nach drei Tagen und drei N\u00e4chten aus den Wald zur\u00fcckkehrten, knetete Nang Kaw das Wachs und formte ein Gesicht, das dem Gesicht ihres Ehegatten genau glich. Die Lippen f\u00e4rbte sie mit den Samen des Anottastrauches, und die Brauen zog sie mit einem St\u00fcck Holzkohle nach. Dann wickelte sie noch einen Turban um den Wachskopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lathoi war es, als s\u00e4\u00dfe ein Doppelg\u00e4nger vor ihm auf dem Hocker, so genau war sein Ebenbild geraten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der folgenden Nacht trugen sie am Seeufer Brennholz zusam\u00admen und setzten die Puppe auf den Holzsto\u00df. Die drei Dienerinnen meldeten dem F\u00fcrsten, dass Lathoi zur Abreise bereit sei. Lathoi aber versteckte sich zu Hause.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wurde eben hell, als der F\u00fcrst und sein B\u00fcttel am See ein\u00adtra\u00adfen. Nang Kaw warf eine brennende Fackel auf den Holzsto\u00df, und wie nun die Flammen hochschossen rief sie: \u201eGute Reise, Lathoi! Und komm nach sieben Tagen wieder zur\u00fcck!\u201c Auch die drei Die\u00adnerinnen riefen: \u201eGute Reise!\u201c Dann war nur noch eine gewaltige Lohe zu sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nang Kaw schaute zum Himmel und rief bald aufgeregt: \u201eJetzt ist er am Tor zum Himmelspalast angelangt! Jetzt begr\u00fc\u00dft er den Sonnenherrn und die Sonnenfrau. Jetzt setzten sie sich zum Essen nieder!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der F\u00fcrst aber sagte: \u201eHoffentlich betr\u00fcgt er uns nicht um unsere Geschenke!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der B\u00fcttel aber meinte: \u201eWenn er nicht mehr zur\u00fcckkommt, sind wir ihn wenigstens los und haben seine Frauen und seine Sch\u00e4tze als Pfand.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sieben Tage sp\u00e4ter freilich trat Lathoi, frisch eingekleidet wie ein eben zur\u00fcckgekehrter Reisender, vor den Bergf\u00fcrsten und meldete sich von seiner Himmelfahrt zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Sonnenherr und die Sonnenfrau waren sehr erfreut von Euch zu h\u00f6ren. Sie haben Euch schon die zehn sch\u00f6nsten M\u00e4dchen ausgesucht. Auch Sch\u00e4tze von Gold und Silber liegen f\u00fcr Euch bereit \u2013 mehr als eine Maultierkarawane tragen kann. Aber es ist Gesetz des Himmels, dass alle Beschenkten ihre Gaben selbst abholen m\u00fcssen. So komme ich mit leeren H\u00e4nden zur\u00fcck, nur um Euch diese Botschaft zu \u00fcberbringen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ungeduldig wie der F\u00fcrst war, wollte er nun nicht mehr l\u00e4nger warten und schickte seine Diener, die den Gong schlugen und auf den acht Bergen und in den achtzehn D\u00f6rfern verk\u00fcndeten: \u201eUnser Ehrw\u00fcrdiger F\u00fcrst wird zum Himmel aufsteigen. Dem Volk wird hiermit befohlen, Brennholz zu bringen und es vor dem Palast aufzuschichten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Leute, die dem F\u00fcrsten sonst nur widerwillig gehorchten, zeigten sich pl\u00f6tzlich ungemein eifrig. Die aus den Nachbard\u00f6rfern luden sich so viel Holz in ihre Tragek\u00f6rbe, dass sie unter der Last fast zusammenbrachen, und die, die weiter weg wohnten, rannten mit\u00a0 ihren Holzb\u00fcndeln los, um zum Aufschichten noch rechtzeitig zu kommen. So t\u00fcrmte sich rasch ein gewaltiger Scheiterhaufen auf, \u00fcber dem die Diener ein Bambusger\u00fcst errichteten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der F\u00fcrst und sein B\u00fcttel stiegen auf das Ger\u00fcst. Der F\u00fcrst schaute ungemein fr\u00f6hlich drein; der B\u00fcttel freilich schien eher bedr\u00fcckt zu sein, wie einer der nicht so recht an den Erfolg seines Unternehmens glauben will. Wieder warf Nang Kaw die Fackel auf den Holzsto\u00df. Und wie nun die ersten Flammen hochschossen rief sie: \u201eGute Reise, Ehrw\u00fcrdiger F\u00fcrst! Und vergesst nicht, die zehn sch\u00f6nen M\u00e4dchen mitzubringen!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als nun die hohen Flammen aufloderten, blickte Nang Kaw zum Himmel und rief: \u201eOh, die beiden reisen aber schnell! Zuerst ins Hautland! Dann ins Fleischdorf! Dann auf den Knochenberg! Und jetzt stehen sie vor der brennenden T\u00fcr! Und jetzt sind sie im Himmel!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es vergingen sieben Tage, aber der F\u00fcrst und sein B\u00fcttel kehrten nicht zur\u00fcck. Sie waren auch nicht nach sieben Monaten zur\u00fcck und auch nicht nach sieben Jahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lathoi, Nang Kaw und die drei Dienerinnen aber, lebten ein gl\u00fcck\u00adliches Leben bis ins hohe Alter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a9 2012 Ulrich Neininger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An einem See wohnte ein armer Waisenjunge namens Lathoi. Der m\u00e4hte tags\u00fcber f\u00fcr die reichen Familien Gras, h\u00fctete ihre Pferde, schlug Brennholz und rodete die Felder. Abends am See aber spielte er auf der Bambusfl\u00f6te, zur Freude aller, die seinem &hellip; <a href=\"http:\/\/ulrichneininger.de\/?page_id=325\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":314,"menu_order":2,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/P6Wjv0-5f","jetpack-related-posts":[{"id":1270,"url":"http:\/\/ulrichneininger.de\/?page_id=1270","url_meta":{"origin":325,"position":0},"title":"Wie eine Frau zur Herrscherin \u00fcber die Welt ausgerufen wurde. M\u00e4rchen des Wa-Volkes (in Vorbereitung).","date":"7. Februar 2013","format":false,"excerpt":"Das Reissch\u00e4chtelchen \u00a0 In einem Dorf lebten vor langer Zeit Nachbarn vom Volk der Wa und vom Volk der Dai, die versuchten, einander durch gute Werke zu \u00fcbertreffen. Im Dorf wohnte auch ein junger Wa, der arm und stark und flei\u00dfig war. Der sagte sich: \u201eDie reichen Dai opfern dem\u2026","rel":"","context":"\u00c4hnlicher Beitrag","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":57,"url":"http:\/\/ulrichneininger.de\/?page_id=57","url_meta":{"origin":325,"position":1},"title":"M\u00e4rchen der V\u00f6lker im Grenzgebiet von China, Birma und Laos.","date":"2. M\u00e4rz 2012","format":false,"excerpt":"Am Anfang dieser Sammlung stand eine kuriose Reise: 1971\/72 war ich, \u00fcberzeugt davon, dass sich die Welt gerade auf wunder\u00adbare Weise ver\u00e4ndert, von Thailand aus nach Birma gereist, um Gebiete aufzusuchen, die unter der Herrschaft der KP Birmas standen. Ich hatte geh\u00f6rt, dass die chinesischen Roten Garden \u2013 illegal eingereist\u2026","rel":"","context":"\u00c4hnlicher Beitrag","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":330,"url":"http:\/\/ulrichneininger.de\/?page_id=330","url_meta":{"origin":325,"position":2},"title":"Die Kachin und ihre Texte","date":"14. Mai 2012","format":false,"excerpt":"Aus der Sicht der chinesischen Statistiker sind die Verh\u00e4ltnisse einfach zu \u00fcberschauen: Am 1. November 2000 lebten auf dem Gebiet der Volksrepublik China 634.912 Menschen, die sich zum Volk der Lisu und 132.143 Menschen, die sich zu den Jinghpaw z\u00e4hlten. In Birma, wo die Verh\u00e4ltnisse un\u00fcbersichtlicher und Volksz\u00e4hlungen unbekannt sind,\u2026","rel":"","context":"\u00c4hnlicher Beitrag","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":322,"url":"http:\/\/ulrichneininger.de\/?page_id=322","url_meta":{"origin":325,"position":3},"title":"Wie einmal der Frosch dem Elefanten aus der Patsche half","date":"14. Mai 2012","format":false,"excerpt":"Der Elefant und der Tiger gerieten eines Tages in Streit dar\u00fcber, wen die Menschen mehr f\u00fcrchten. \u201eMich,\u201c, meinte der Tiger, \u201ef\u00fcrchten sie am meisten. Vor meinen gewaltigen Tatzen zittern sie, und mein markersch\u00fctterndes Br\u00fcllen treibt sie in die Flucht.\u201c Der Elefant aber widersprach: \u201eKein Tier ist so gro\u00df und stark\u2026","rel":"","context":"\u00c4hnlicher Beitrag","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":314,"url":"http:\/\/ulrichneininger.de\/?page_id=314","url_meta":{"origin":325,"position":4},"title":"Der Nichts\u2013als\u2013ein\u2013Kopf. M\u00e4rchen der Kachin","date":"14. Mai 2012","format":false,"excerpt":"Am Abend sprach die Prinzessin zum Kopf:\u00a0\u201eKopf, mein Ge\u00admahl, lass uns zu Bett gehen. Ich schlie\u00dfe die Augen, und du kommst schnell aus deiner H\u00fclle heraus.\u201c Inhalt: Stirnmensch Der Nichts\u2013als\u2013ein\u2013Kopf Der Brunnenzoll Der Arme, der Reiche und die zwei Schwestern Die beiden Betr\u00fcger Wie einmal der Frosch dem Elefanten aus\u2026","rel":"","context":"\u00c4hnlicher Beitrag","img":{"alt_text":"","src":"https:\/\/i2.wp.com\/ulrichneininger.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Band1_Webpage-244x300.jpg?resize=350%2C200","width":350,"height":200},"classes":[]},{"id":143,"url":"http:\/\/ulrichneininger.de\/?page_id=143","url_meta":{"origin":325,"position":5},"title":"eBooks","date":"3. M\u00e4rz 2012","format":false,"excerpt":"erh\u00e4ltlich auf Amazon: \u00a0 M\u00e4rchen der V\u00f6lker im Grenzgebiet von China, Birma und Laos: \u00a0 Band1:\u00a0Der Nichts\u2013als\u2013ein\u2013Kopf M\u00e4rchen der Kachin Auf Amazon als eBook erh\u00e4ltlich \u00a0 \u00a0","rel":"","context":"\u00c4hnlicher Beitrag","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]}],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/ulrichneininger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/325"}],"collection":[{"href":"http:\/\/ulrichneininger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/ulrichneininger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/ulrichneininger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/ulrichneininger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=325"}],"version-history":[{"count":35,"href":"http:\/\/ulrichneininger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/325\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1438,"href":"http:\/\/ulrichneininger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/325\/revisions\/1438"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/ulrichneininger.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/314"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/ulrichneininger.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=325"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}